Über die Entstehung eines Romans

Ein Roman beginnt bei mir selten mit einem konkreten Plan. Meistens ist es nur eine Idee, ein Bild oder eine Frage, die sich langsam in meinem Kopf festsetzt. Ich notiere mir solche Gedanken nur selten. Stattdessen lasse ich ihnen Zeit, sich zu entwickeln. Wenn eine Idee genügend Raum für eine längere Geschichte bietet und mich über Wochen oder Monate begleitet, dann weiss ich, dass sich daraus ein Roman entwickeln könnte.

 

Ist dieser Punkt erreicht, beginne ich nicht sofort zu schreiben. Zunächst beschäftige ich mich gedanklich intensiv mit der Geschichte. Das Ziel der Reise muss klar sein, auch wenn der Weg dorthin noch offen ist. Danach entwerfe ich einen groben Plot und beginne mit der Recherche. Ich recherchiere allerdings nur so weit, dass die Handlung schlüssig wird und ich nicht in eine Sackgasse gerate. Zu viel Recherche kann genauso hinderlich sein wie zu wenig. Irgendwann muss man den Mut haben, mit dem Schreiben zu beginnen.

 

Dabei arbeite ich selten chronologisch. Ich schreibe jene Szenen, auf die ich gerade Lust habe. Das kann eine Schlüsselszene in der Mitte des Romans sein oder das Finale, lange bevor der Anfang fertig ist. Während des Schreibens entstehen neue Ideen, Figuren entwickeln ein Eigenleben und manchmal werden zusätzliche Recherchen notwendig. Deshalb empfinde ich den gesamten Entstehungsprozess als etwas Fliessendes. Plot, Recherche und Schreiben beeinflussen sich gegenseitig.

 

Irgendwann kommt jedoch der Moment, an dem die Geschichte vollständig vor mir liegt. Alle Ideen haben ihren Platz gefunden, die Figuren sind dort angekommen, wo sie hingehören, und grössere Änderungen sind kaum mehr notwendig. Von diesem Zeitpunkt an beginnt für mich die eigentliche Schreibarbeit. Paradoxerweise ist genau das jener Teil, den ich am wenigsten mag. Während ich den Roman nur noch niederschreiben und ausformulieren muss, beschäftigt mich gedanklich oft bereits die nächste Geschichte.

 

Die Überarbeitung gehört ebenfalls zu meinem Arbeitsprozess, auch wenn sie nicht meine Lieblingsbeschäftigung ist. Zuerst überprüfe ich die Logik des Romans. Die Handlung muss in sich schlüssig sein, alle Fäden müssen zusammenpassen. Erst danach widme ich mich der Sprache, der Stilistik sowie der Rechtschreibung und Grammatik. Zu diesem Zeitpunkt hat meine Lektorin den Text noch gar nicht gesehen. Ich möchte ihr kein unfertiges Manuskript übergeben, sondern einen Roman, der meinen eigenen Ansprüchen bereits genügt.

 

Die Zusammenarbeit mit meiner Lektorin ist für mich von grossem Wert. Sie besitzt einen beeindruckenden Überblick über die gesamte Handlung und entdeckt Fehler, Unstimmigkeiten oder Schwächen, die mir selbst entgangen sind. Ihre Anmerkungen betreffen sämtliche Bereiche – von der Dramaturgie über die Figuren bis hin zur Sprache. In den allermeisten Fällen überzeugt mich ihre Sichtweise. Natürlich gibt es auch Diskussionen, wenn wir unterschiedliche Auffassungen vertreten. Gerade dieser Austausch macht den Roman besser. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Hinweis beim zweiten Oberaargauer Krimi. Meine Lektorin hatte das Gefühl, Urspeter Hugi entwickle sich in eine Richtung, die nicht mehr zu seiner Persönlichkeit passe. Diesen Einwand nahm ich sofort ernst und überarbeitete die Figur entsprechend.

 

Ganz fertig ist ein Roman nach der Manuskriptabgabe allerdings noch lange nicht. Das Manuskript wandert mehrmals zwischen meiner Lektorin und mir hin und her. Danach folgt das Korrektorat und schliesslich erhalte ich die Druckfahnen zur letzten Kontrolle. Erst wenn diese freigegeben sind und der Roman in den Druck geht, kann ich wirklich loslassen.

 

Wenn ich ältere Bücher wieder zur Hand nehme, entdecke ich dennoch immer wieder Stellen, die ich heute anders formulieren würde. Das gehört wohl zum Schreiben dazu. Ein Roman wird nie deshalb abgeschlossen, weil nichts mehr verbessert werden könnte, sondern weil irgendwann der Zeitpunkt gekommen ist, ihn aus der Hand zu geben. In diesem Sinn ist die Deadline des Verlags eine grosse Hilfe. Sie setzt dem kreativen Prozess einen notwendigen Schlusspunkt.

 

Nach der Veröffentlichung empfinde ich vor allem Erleichterung. Ein Arbeitsprozess, der rund ein Jahr gedauert hat, ist abgeschlossen. Natürlich erfüllt es mich auch mit Stolz, wieder ein Buch vollendet zu haben. Gleichzeitig richtet sich mein Blick sofort auf das nächste Projekt. Während der eine Roman entsteht, wächst der nächste meist schon seit Monaten in meinem Kopf heran.

 

Trotz meiner Freude am Entwickeln neuer Geschichten schreibe ich nicht für die Schublade. Der eigentliche Lohn meiner Arbeit besteht darin, dass Leserinnen und Leser in meine Geschichten eintauchen können. Schon während der Ideenfindung frage ich mich deshalb, ob ein Stoff genügend Potenzial besitzt, um andere Menschen zu fesseln. Ich möchte die Leserinnen und Leser an die Hand nehmen und ihnen eine Geschichte erzählen – so, wie früher vielleicht ein Grossvater seinen Enkeln Geschichten erzählt hat.

 

Manchmal höre ich, dass Autorinnen und Autoren in den USA ihre Rohfassung bereits früh dem Lektorat übergeben und dort ein grosser Teil der Überarbeitung übernommen wird. Das mag praktisch sein und Zeit sparen. Trotzdem möchte ich auf das eigene Überarbeiten nicht verzichten. Gerade dabei erkenne ich meine Fehler selbst und lerne daraus. Dieses Selbsterkennen ist für mich enorm wertvoll. Es hilft mir nicht nur beim aktuellen Roman, sondern vor allem bei der Planung der nächsten Geschichte. In diesem Sinn gehört auch die mühsame Überarbeitung untrennbar zu meinem Weg als Autor.

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