Spuren

 

Und nun ist es also soweit: Der große Tag ist gekommen. Die Maturfeier setzt einen Schlusspunkt unter vier Jahre intensives Lernen; vor allem die Nächte vor den Prüfungen, die er sich hinter den Schulbüchern um die Ohren geschlagen hat, haben ihre Spuren hinterlassen.

Die Aula ist zum Bersten gefüllt, einige Maturanden haben wohl ihre ganze Verwandtschaft eingeladen.

Er fühlt Schweißtropfen über die Brust laufen, der Rücken fühlt sich feucht an. Zum Glück hat er sich nicht für das blaue Hemd entschieden, auf dem alles deutlich sichtbar wäre.

Damals am Strand hat er auch so geschwitzt, ein knappes Jahr ist es her. Aber daran will er sich nun nicht erinnern; das würde ihn bloß noch zusätzlich belasten.

Vorne auf der Bühne sitzt ein Mädchen aus der Parallelklasse, das auf dem Cello das Prélude einer Bachsonate spielt. Ein hochgelobtes Talent; es genießt schon seit vielen Jahren Unterricht an der Hochschule für Musik und hat schon einige bejubelte Auftritte hinter sich.

Bei ihm ist alles noch vage, was die berufliche Zukunft anbelangt. Zunächst wird er ins Militär

einrücken müssen – Dienst fürs Vaterland. Ein ganzes Jahr lang werden Kleiderfragen und Freizeitgestaltung nicht zu seinen Kernproblemen gehören. Und was dann kommt – man wird sehen.

Er ist nicht unglücklich, aus seinem Alltagstrott hinausgerissen zu werden. Weit weg von zu Hause wird er über die Kampfbahn robben, in der Westschweiz, wo alle nur Französisch sprechen. Ausgerechnet Französisch!

Der Applaus reißt ihn aus seinen Gedanken. Er klatscht nicht mit, studiert zerstreut das Gedicht, das auf seinen Knien liegt. Es ist ein Andenken an den letzten Sommer, von ihm selber verfasst. Damals, als er die ganze Welt hätte umarmen können. Als er von einem Glücksgefühl erfüllt war, wie er es noch nie in seinem jungen Leben gespürt hatte. In solch einem berauschten Zustand hat er dieses Gedicht verfasst – wie von selbst ist es aus der Feder geflossen: Spuren, ein Sonett für seine große Liebe. Ein Jubelschrei, eine Schwärmerei, ein Gefühlsausbruch auf hohem Niveau – das hat ihm sein Deutschlehrer mit blumigen Worten bestätigt, als er das Gedicht zufällig gelesen hat und ihn gebeten, sein Werk doch auf der Feier vorzutragen.

Eine Woche darauf hat sie mit ihm Schluss gemacht, mit einer Textnachricht. Ein paar wenige Worte, aufs Minimum beschränkt. Keine Erklärung. Einfach so. Ein Ferienflirt, meinte sie. Für ihn die Liebe seines Lebens. Nur das Gedicht ist übriggeblieben. Spuren. Heute wird er es vortragen, alle Anwesenden werden tief in seine Seele hineinblicken können. Weshalb nur hat er sich vom Deutschlehrer breitschlagen lassen?

Nie hat er bisher eine solch dunkle Zeit erlebt wie nach der Trennung. Kein Lebensmut mehr, keine Motivation, kein Schwung. Keine Lust, etwas mit den Freunden zu unternehmen.

Spuren. Ja, die hat sie tief in seinem Herzen hinterlassen. Doch das lyrische Werk beschreibt nicht diese düsteren Stunden, oh nein, es erzählt von der griechischen Sonne, den gemeinsamen Spaziergängen am Strand, von endlosen und doch viel zu kurzen Nächten, voll von zärtlichen Berührungen und wortreichen Liebesschwüren, von Tränen und Küssen begleitet.

»Andere Mütter haben auch hübsche Töchter«, hat sein Vater gemeint und ihm aufmunternd auf die Schulter geklopft. Was weiß der schon von der großen Liebe!

Die Worte der Rektorin, in denen der Weg des Gymnasiums mit einem Marathon verglichen wird, gehen an ihm vorbei. Er starrt auf den Boden und beißt auf die Zähne.

»Alles in Ordnung mit dir?« Der sorgenvolle Blick seiner Sitznachbarin. Erst jetzt bemerkt er, dass er das Blatt mit dem Sonett in Streifen gerissen und zusammengeknüllt hat.

Spuren. Ja, das hat sie in ihm hinterlassen. Sämtliche Stufen des Selbstmitleids eines Teenagers auf der Schwelle zum Erwachsensein hat er durchlebt. Wie oft ist er auf der Brücke gestanden, mit gesenktem Kopf, einen Hauch vor dem Sprung auf die Schienen.

Wie tief kann man sinken, wenn man den Boden unter den Füssen verliert!

»Und als nächstes hören wir, welche Spuren der Deutschunterricht bei einem von unseren heutigen glücklichen Abgängern hinterlassen hat.« Das Wortspiel der Rektorin findet seine Anerkennung; er steht auf. Das Gedicht kennt er natürlich auswendig.

Er räuspert sich kurz und mustert das Publikum. Seine Sitznachbarin hebt den Daumen, die Cellospielerin nickt ihm aufmunternd zu. Hübsch sehen sie aus, alle beide!

Er fühlt sich gut. Ein leichtes Kribbeln macht sich in der Magengegend breit. Das Gewicht ist gleichmäßig auf beide Beine verteilt. Sein Atem ist regelmäßig. Gut so!

Ja, andere Mütter haben auch hübsche Töchter. Und er wird nach der Feier mit ihnen anstoßen.