Salz


Jedes Mal, wenn sie miteinander ausgehen, nimmt er sich vor, sie endlich zu fragen. Und immer verschiebt er es aufs nächste Mal.

Dario datet Vicky schon zum zehnten Mal. Da ist etwas zwischen ihnen, er ist sich sicher. Oder auch nicht. Dann ist er sich eben nicht mehr so sicher. Sie lächelt, wenn sie sich treffen. Wenn sie erzählt, dann hängt er an ihren Lippen und stellt sich vor, wie er mit den Fingern sanft darüberstreichen und sie dann küssen würde.

Wie würde sie reagieren? Es könnte zur Katastrophe werden!

Dabei wäre es so einfach, die Frage zu stellen. Er hätte Gewissheit. Aber vielleicht nicht diejenige, die er sich erhofft. Das wäre ganz schlimm. Weil er Vicky dann verloren hätte. Weil er sich nicht mehr mit ihr verabreden könnte. Weil die WhatsApps, die er von ihr erhält, bedeutungslos wären.

Andererseits: Würde sich Vicky zehnmal mit ihm treffen, wenn sie nichts für ihn empfinden würde? Wohl kaum. Doch was bedeutet er ihr? Ist er ein guter Freund, in dessen Nähe sie sich einfach wohlfühlt. Dessen Gesellschaft sie als anregend und interessant betrachtet? Oder geht es ihr gleich wie ihm? Aber weshalb, zum Donnerwetter, sagt sie denn nichts, gibt ihm kein Zeichen. Wobei – vielleicht hat sie das schon gemacht, mehrmals sogar. Er hat es einfach nicht wahrgenommen oder falsch gedeutet.

Es ist zum Haare raufen!

Vor lauter Nervosität wirft er mit einer ungelenken Bewegung den Salzstreuer um. Er läuft rot an, sie hält die Hände vor den Mund und kichert.

Der Schaden hält sich in Grenzen; es sind bloß ein paar grobe Salzkörner, die auf der Tischdecke verstreut sind.

Dario wischt sie mit dem Finger zusammen auf ein Häufchen, während Vicky einen kleinen Schluck ihres Chardonnays trinkt und anschließend über ein Musikfestival losplappert, das sie unbedingt einmal besuchen möchte.

Eine Steilvorlange, denkt er und macht sich eine mentale Notiz, dass er im Internet unbedingt nach Tickets suchen würde.

Als die Salzkörner ordentlich auf einem Haufen liegen, steigt Dario plötzlich ein Gedanke siedend heiß in den Kopf. Er würde heute das Schicksal entscheiden lassen, ob er Vicky fragen sollte! Jawohl, das ist eine gute Idee.

Sein ganzer Körper befindet sich im Ausnahmezustand, als er den Zeigefinger auf das kleine Häufchen mit den Salzkörnern drückt und sie damit wieder etwas verteilt.

Derweil plaudert Vicky weiter über den Anlass, an dem sie so gerne auch teilnehmen würde. Was haben ihr die Freundinnen davon vorgeschwärmt. Über die spezielle Atmosphäre, das sorgfältig ausgewählte Line-up, die tollen Leute, die man dort kennenlernt.

Dario lächelt ihr zu, nickt von Zeit zu Zeit und versucht, die Konzentration auf das Salz hochzuhalten. Ja, nein, ja, nein …

Die Körner wandern von links nach rechts. Heute ist der Tag!

Amüsiert hält Vicky ein und zeigt mit schelmischem Lächeln auf Darios Tätigkeit.

»Pass auf! Ist das Essen versalzen, so ist der Koch verliebt.«

Wenn es so einfach wäre, könnte ich dir was kochen, und du wüsstest Bescheid, denkt Dario, lässt sich aber nichts anmerken.

»Bloß eine kleine Spielerei«, schwächt er ab, hebt das Weinglas und meint: »Auf die Musik.«

Das ist für Vicky das Stichwort. Nachdem der Ton des Anstoßens verklungen ist, preist sie weiter das tolle Festival und packt dabei gleich ein Loblied auf ihre besten Freundinnen ein.

Sie ist so süß, wenn sie ins Schwärmen gerät, denkt Dario. Wenn sie nur für mich so schwärmen würde.

Ja, nein, ja, nein …

Das linke Häufchen besteht nur noch aus wenigen Salzkörnern. Bald würde sich der weitere Verlauf des Abends herauskristallisieren – im wahrsten Sinne des Wortes. Nun verkrampft sich alles in ihm, das Resultat rückt näher und näher, und dann gibt es kein Zurück. Dann müsste er sich der Herausforderung stellen.

Ja, nein, ja, nein …

Dario lächelt sie an. Fesch sieht sie aus, wie immer. Das Rollkragentop betont ihren langen Hals, auf dem Oberarm ihrer glänzenden gebräunten Haut fliegt ein Adlertattoo in die weite Welt hinaus. Wo sie wohl sonst noch Tätowierungen hat?

Die letzten Körner. Ja, nein …

In seinem Magen zieht sich alles zusammen.

Ja.

Er räuspert sich, seine Hände sind schweißnass. Vickys Bild verschwimmt vor seinen Augen, ihre Worte vermischen sich zu einer undefinierbaren Masse. Der Moment ist gekommen.

»Weißt du eigentlich, Vicky«, fällt er ihr ins Wort. Er kann nicht mehr warten, bis sie ihre Ausführungen beendet hat.

»Ach, Ramona!« Ein Strahlen geht über ihr Gesicht, sie winkt eifrig und steht auf, wobei sie beinahe ihren Stuhl umkippt. Nachdem sie eine junge Frau abgeküsst und umarmt hat, kommt sie mit ihr an den Tisch.

»Was für ein Zufall, Ramona. Ich habe gerade von dir erzählt. Darf ich dir Dario vorstellen? Er ist ein guter Freund von mir.«

Er wischt sich die Hände an den Jeans ab und erhebt sich.

Er wird sie fragen, ganz bestimmt.

Das nächste Mal.