Ruhepause

 

Eine Schweißperle läuft über seine faltige Stirn, verzweigt oberhalb der struppigen Augenbrauen und sucht sich ihren Weg durch die unrasierten, grauen Bartstoppeln.

Jakob hebt kurz seine fleckige, verbleichte Schirmmütze, um seinem Schädel ein paar Züge frische Luft zu gönnen. Er hätte den Pullunder nicht anziehen sollen, aber Edith, seine Frau, hat ihm das Teil quasi aufgezwungen und gemahnt, es sei erst anfangs März, trotz der frühlingshaften Temperaturen.

Er rekelt sich auf seinem Rollatorsitz zurecht, dehnt sein linkes Bein und steckt sich anschließend eine Zigarette in den Mundwinkel. Edith mag es nicht, wenn er zu Hause raucht. So freut er sich jeweils schon im Voraus auf eine Kippe, wenn er alleine spazieren oder, so wie heute, einkaufen geht.

Lautes Gelächter dringt an sein Ohr. Er dreht den Kopf in die Richtung des Lärms, zuckt stöhnend zusammen und beißt auf die Zähne. Diese verdammte Nackenstarre! Da stehen unter der Linde ein paar Halbstarke mit überdimensionalen Kappen, jeder eine Dose von diesem furchtbaren Energie-Getränk in der Hand. Sie schlagen die Ellbogen gegeneinander; das macht man heute scheinbar so. Jakob hat das schon bei vielen Leuten beobachtet.

Die Jungs überbieten sich in dem Versuch, wer wohl der Lauteste sei. Ihre Sätze sind für ihn unverständlich, voller Wörter, die für ihn keinen Sinn ergeben. Neudeutsch, wie man so sagt.

Er nimmt einen tiefen Zug und füllt seine Lungen mit Nikotin.

Party machen, das hört er aus ihrem Geschrei heraus. Alles easy.

Natürlich. Der Staat ruft eine Krise aus, beschwört den Ernst der Situation, und die Jugend denkt an nichts anderes als ans Vergnügen. Jakob schüttelt den Kopf und hebt erneut kurz seine Schirmmütze. Heiß ist das heute! Hätte er doch bloß nicht auf Edith gehört.

Er hat seinen Rollator in der Ecke neben dem Eingang des Supermarkts platziert. So wie immer. Nach dem Einkaufen eine Ruhepause, eine Zigarette, die Leute beobachten. Jakob mag das. Und heute gibt es allerhand zu sehen! Schade, dass seine Frau nicht mitgekommen ist. Was gäbe es alles zu schnöden! Er wird auf jeden Fall viel zu erzählen haben, wenn er in ihre gemeinsame Alterswohnung zurückkehrt.

Die Einkaufswagen sind überfüllt. Nicht voll, so wie das bei einigen beim Wochenendeinkauf ganz normal ist. Nein, sie scheinen so schwer zu sein, dass die Leute ihre ganze Kraft aufbringen müssen, um sie vorwärts zu bringen.

Heute Abend wird es Rösti geben, Jakobs Lieblingsessen. Mit Speck, Zwiebeln und Spiegelei. Doch leider nicht so, wie er sie gerne mag. Frisch gemacht nach Ediths Spezialrezept. Er hilft sogar dabei, schält die Kartoffeln. Dazu hören sie immer die Informationssendung im Radio. Er hat sich darauf gefreut. Doch als er die Gemüseabteilung erreichte, hat ihn beinahe der Schlag getroffen, und er musste sich einen Moment hinsetzen. Sämtliche Gestelle waren leer, keine einzige Kartoffel mehr vorhanden.

Was das denn möglich? Brach morgen ein Krieg aus? Jakob erinnert sich, dass er als kleiner Junge seine Mutter beim Einkaufen begleitet hat. Er durfte damals der Verkäuferin hinter der Theke die Lebensmittelmarken reichen, mit denen die rationierten Nahrungsmittel bezogen werden konnten.

Sind wir wieder soweit? Jakob kann es immer noch nicht glauben. So gibt es heute Rösti aus dem Beutel. Kein Vergleich mit Ediths Zubereitung. Aber was will man sonst? Wahrscheinlich gibt es heute Abend überall Kartoffeln zum Nachtessen.

Mit einem Schnauben drückt er seine Zigarette aus. Nicht mal Bananen hat er kaufen können. Alles leer, alles weg. Alle machen sich zum Affen.

Jakob erinnert sich an ähnliche Situationen. Lang, lang ist’s her. Der Kalte Krieg war noch in vollem Gang. War’s bei der Kuba-Krise? Er weiß es nicht mehr. Damals glaubte man allerdings, dass man wochenlang im Atombunker sitzen müsste. Da war es verständlich, dass die Leute sich eindecken wollten. Kluger Rat, Notvorrat. So wurde damals geworben.

Jakob seufzt.

Er macht sich auf den Heimweg. Ohne Bananen, ohne Kartoffeln. Aber mit einer Menge Geschichten, die er Edith erzählen kann.