Mit einem plötzlichen Ruck werde ich unsanft aus meinem Schlummer geweckt. Tatsächlich muss ich für ein paar Minuten eingenickt sein. Verstört blicke ich mich um und verharre im Gesicht eines Inders, der mich mit seinen beinahe schwarzen Augen fragend mustert.

Ich erinnere mich, in dieses Taxi eingestiegen zu sein. Die Fahrt habe ich allerdings komplett verschlafen, und auch die starke Ausdünstung des Fahrers ist mir zuvor nicht aufgefallen. Es riecht nach Curry im ganzen Wagen. Mein Herz rast, Schweiß läuft mir über die Stirn.

Er deutet mit dem Finger auf den Taxameter.

»Können Sie warten?« Ich bin nicht sicher, ob er mich versteht, doch er nickt eifrig und deutet mit erhobenem Daumen an, dass die Botschaft angekommen ist.

Ich steige aus, das Taxi fährt zum nächstgelegenen Parkplatz. Es ist kühl geworden, dunkle Wolken, beinahe schwarz wie Kohle, künden ein Gewitter an.

 

Der Portier hält mir die Tür auf. Im Eingangsbereich ist das Licht hell, ein wahres Kontrastprogramm zu der Stimmung draußen. Ich kneife für einen Moment die Augen zusammen und versuche, mich zu orientieren.

An der Rezeption frage ich nach dem Maestro. Der Angestellte trägt einen schwarzen Anzug, eine Nummer zu klein. Mit dem steifen Hemdkragen wirkt er wie ein Kleiderständer. Die Rasur ist scharf, das Parfüm verschwenderisch aufgetragen. Er nickt und telefoniert. Dann weist er mich an, einen Moment zu warten und bietet mir an, in einem lindengrünen Sessel, ein paar Meter entfernt, Platz zu nehmen.

Dankend lehne ich ab und trete einen Schritt zurück. Er zuckt die Schultern und wendet sich seinem Rechner zu. Die Tastatur klappert in rasendem Tempo. Fasziniert betrachte ich seine Finger. Kein einziges Mal benützt er die Korrekturtaste. Als er meine Beobachtungen wahrnimmt, blickt er hoch, lächelt und zwinkert mir kurz zu, sodass ich mich verlegen abwende.

 

»Herr Walser?«

Beinahe hätte ich die kleine Frau übersehen. Kurze Haare, große Hornbrille, flache Schuhe. Ein iPad und zwei Smartphones. Sie schüttelt kurz meine Hand.

»Ich bin seine Assistentin. Es dauert noch einen Moment. Er ist noch nicht bereit.«

Sie wirkt noch gestresster als ich es bin, deutet ebenfalls auf den Sessel mit der hässlichen Farbe.

»Warum setzen Sie sich nicht hin? Entschuldigen Sie mich bitte so lange. Ich habe noch zu tun.«

Und weg ist sie. Bereits bevor sie nach draußen tritt, hat sie bereits eines der Geräte an ihrem Ohr und gibt energisch Anweisungen.

Seufzend lasse ich mich in die schreckliche Sitzgelegenheit fallen und hole meinerseits das Smartphone aus der Innentasche meines Sakkos. Kein Anruf, keine Nachrichten, nur eine Push-Mitteilung, die ich wegwische, ohne sie gelesen zu haben. Ich wippe ungeduldig mit dem Fuß. Als ich meine nervösen Bewegungen wahrnehme, versuche ich, ein wenig runterzufahren.

Sanfte Klaviermusik lullt mich ein. Ich merke, wie erschöpft ich bin. Ein lästiger Dauerzustand, schon seit einigen Jahren. Es gibt keine Erklärung dafür, mein Arzt war nach dem letzten Check-up zufrieden, die Blutwerte alle im grünen Bereich. Doch die Müdigkeit ist zu einem ständigen Begleiter geworden. Zu viel Arbeit, zu viel Stress, mutmaßen meine Freunde. Mehr Achtsamkeit, predigt meine Frau.

Ich gehorche meinem Körper und schließe die Augen. Nur für einen kurzen Moment. Ein Powernap von allerkürzester Dauer und erstklassiger Qualität!

 

»Herr Walser?«

Ich schrecke auf, meine Laptoptasche fällt zu Boden. Wo bin ich?

»Der Maestro ist soweit. Würden Sie mir bitte folgen?«

Hinter den Brillengläsern flackern ungeduldig ihre Augen. Die Körperhaltung signalisiert Aufbruch. Ich verfluche ihre deutlich zur Schau getragene Energie. Mein Motor ist noch weit von Betriebstemperatur entfernt.

Im Aufzug hält sie das Tablet schützend vor ihre Brust. Sie schaut kurz zu mir hoch und blickt dann auf den Boden. Ihr Duft ist zu süßlich für meinen Geschmack.

»Keine überflüssige Anstrengung für ihn«, murmelt sie, ohne mich anzusehen. »Gehen Sie schonend mit ihm um. Denken Sie an sein Alter.«

Die Bemerkung, dass ich nicht sein Kindermädchen sei, liegt mir auf der Zunge. Ich verkneife sie mir jedoch. Der Maestro ist vor einem Monat zweiundneunzig Jahre alt geworden. Er hat sämtliche großen Orchester dieser Welt dirigiert. Dass wir ihn für einen Auftritt engagieren konnten, ist ein wahrer Glücksfall und war wohl nur dank den guten Beziehungen unseres Konzertmeisters möglich.

»Wie geht es ihm?«, wage ich die Assistentin dann doch zu fragen. Es fällt mir auf, dass ich ihren Namen gar nicht kenne.

»Seinem Alter entsprechend gut«, meint sie kurz angebunden und starrt auf eines ihrer beiden Smartphones. Auf dem Korridor eilt sie mir mit so raschem Tempo voraus, dass ich beinahe Mühe bekunde, mit ihr mitzuhalten.

Vor der Tür hält sie an, wendet sich zu mir um und wirft mir einen strengen Blick zu.

»Ich kann ihn ausnahmsweise heute nicht zur Probe begleiten. Kann ich mich zu hundert Prozent auf Sie verlassen?«

Ich hätte ihr am liebsten unter die Nase gerieben, welche Künstler ich schon betreut habe und welche Diven darunter gewesen sind. Doch ich muss ehrlicherweise eingestehen, dass ich es noch nie mit einem Musiker der Kategorie Methusalem zu tun hatte. Außerdem bin ich müde, will mich auf keine Diskussion einlassen. Daher nicke ich langsam.

Ich versuche, mir die Bilder, die ich vom Maestro habe, in Erinnerung zu rufen. Seine Überzeugungskraft, die er auf dem Podest ausstrahlt. Die Energie, die auch im hohen Alter noch ungebrochen zu sein scheint. Sind das etwa alles alte Filmaufnahmen, die mir im Kopf herumschwirren? Ich werde unsicher.

 

»Gut. Ich vertraue Ihnen.«

Sie öffnet die Tür zur Suite und lässt mich vorgehen. Neugierig blicke ich in den Raum. Vor einer Sesselgruppe um einem niedrigen Klubtisch steht ein Greis, noch kleiner als seine Assistentin, auf einen Rollator gestützt. Erwartungsvoll blickt er mir entgegen und macht ein paar kleine Schritte vorwärts. Er trägt ein hellblaues Hemd, einen Knopf zu viel geöffnet, das er salopp über die Jeans trägt, die ihrerseits zu eng für sein Alter ist. Auch die weißen Sneakers wirken fehl am Platz. Wenn er noch ein Cap trüge, so würde er eine veritable Karikatur abgeben.

Ich zögere und wende mich zur Frau um, deren Namen ich immer noch nicht kenne. Ihr Blick ist weicher und herzlicher geworden.

»Maestro«, flötet sie, plötzlich mit ganz sanfter Stimme. Sie kommt mir vor, wie eine Mutter, die mit ihrem kleinen Kind spricht. »Das ist Herr Walser. Er ist Orchestermanager und leitet das künstlerische Betriebsbüro.« Das ist zwar nur zur Hälfte korrekt, aber ich lasse das mal so stehen. »Er wird sich heute um Sie kümmern und Sie zur Probe begleiten. Ich habe Ihnen heute Morgen ja bereits mitgeteilt, dass ich am Nachmittag unaufschiebbare Termine habe.«

»Aber gewiss, Veronika.« Ein warmes Lachen zeigt sich auf dem Gesicht des Alten. Zumindest ihren Vornamen kenne ich hiermit. Hat sie sich unten im Foyer vorgestellt, und ich habe es vergessen? Die Zuverlässigkeit meines Gedächtnisses ist etwa auf dem gleichen Stand wie meine aktuelle Fitness.

»Herr Walser.« Plötzlich steht der Alte vor mir, reicht mir die Hand. Wie hat er die Strecke nur so rasch zurückgelegt?

Sein Haarkranz ist schüttern, die Glatze sieht aus wie ein Ballon, aus dem schon ein gutes Stück Luft entwichen ist. Und überall sind Altersflecke, wie Sommersprossen verteilen sie sich über seine Hände.

Wie soll ein solch kleines, zerbrechliches Männlein ein großes Orchester leiten? Nagende Zweifel machen sich in mir breit. Ich mache mir eine mentale Notiz, meine Künstlerkartei für einen allfälligen Ersatz zu konsultieren.

Sein Händedruck hingegen ist fest und bestimmend. Doch ein Blick in sein Gesicht zerstreut diesen positiven Eindruck bereits wieder. Die Augen wässerig, dicke, dunkle Tränensäcke, die Wangen eingefallen, der Mund schmal. Die Nase stark gebogen und die Ohren groß wie Salatblätter.

Zusätzlich zu meiner Erschöpfung macht sich Verzweiflung in mir breit. Wer, um Herrgottswillen, hat bloß die Idee gehabt, diesen ausrangierten Senior zu verpflichten? Und was hat nur mich geritten, als ich dieser Idee zugestimmt habe! Ich sehe einen Haufen Arbeit auf mich zukommen.

»Wollen wir nicht gehen?« Die Stimme ist heiser und krächzend. Wie soll er damit Anweisungen geben?

Ich wende mich ratlos zu Veronika um, doch sie ist bereits verschwunden und hat mich mit dem Greis allein gelassen. Gute Miene zum bösen Spiel, denke ich. Was bleibt mir anders übrig?

»Können Sie bitte meinen Stock mitnehmen?« Er deutet mit dem Kopf zu einem edlen Gehstock aus Holz. Der vergoldete Knauf erinnert mich an den Schnabel eines Geiers. »Wissen Sie«, er kichert, »in der Öffentlichkeit reicht der für mich. Den Rollator brauchen nicht alle zu sehen.«

Ich greife nach dem Stock, trete in den Korridor und trotte neben dem Alter in Richtung Aufzug. Wie ein Film in Zeitlupe läuft der Vorgang vor mir ab; meine Müdigkeit meldet sich dadurch wieder mit einer plötzlichen Heftigkeit, der nur mit einer Mütze voll Schlaf beizukommen wäre.

 

Vor dem Hotel halte ich Ausschau nach dem Taxi und winke meinem indischen Fahrer zu. Sofort steigt er aus, begrüßt den Alten überschwänglich – ist der hohe Respekt vor dem Alter auf seine Kultur zurückzuführen? – und verstaut den Rollator im Kofferraum.

Ich will dem Maestro beim Einsteigen helfen, doch der Inder winkt ab. So gehe ich ums Fahrzeug herum und setze mich auf den Rücksitz, während der Alte neben mir mit langsamen Bewegungen Platz nimmt.

»So, sind wir bereit?« Ich bemühe mich um Zuversicht. Er legt mit gütigem Gesicht eine Hand auf mein Knie. Eine Berührung, die mich befremdet.

Von vorne dringt Rapmusik aus dem Radio. Aggressiver, anklagender Sprechgesang. Ich bitte den Fahrer, das Gerät auszuschalten.

»Aber weshalb denn?«, kommt es von nebenan. »Ich bitte Sie, junger Mann.« Die Augen sind schmal und listig. »Das ist doch die Musik von heute, nicht wahr? Sie steht stellvertretend für unsere heutige Gesellschaft.« Er lehnt sich entspannt nach hinten. »So fühle ich mich mitten im Leben.«

Erstaunt wende ich mich ihm zu. Die Augen sind geschlossen. Um den Mund ein friedliches Lächeln. Die weißen Sneakers wippen im Takt der Musik.

Ich deute dem Fahrer loszufahren, greife im Sakko nach meinem Smartphone. Zwei Nachrichten meiner Frau, ein unbeantworteter Anruf meiner Tochter, drei Benachrichtigungen der Sozialen Medien.

»Es ist ein Fluch, das Ding, denken Sie nicht auch?« Der Alte hat die Augen wieder geöffnet und blickt mich herausfordernd an. Ich erkenne den Schalk in seinem Gesicht. »Ich bin froh, dass ich keines besitze. Meine Assistentin regelt alles für mich. So kann ich mich nur um die Dinge kümmern, die mir wirklich Spaß bereiten.«

Ich stecke das Smartphone wieder ein. Die Familie kann warten. Haben wir für heute Abend nicht noch Freunde zum Essen eingeladen?

»Und die wären?« Mein Interesse ist nur halbherzig. Aber ich spüre eine gewisse Verpflichtung, das Gespräch im Gang zu halten.

»Ach, worauf ich gerade Lust habe.« Der Alte lacht schallend. Ich registriere den Blick des Fahrers im Rückspiegel. »Wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Vielleicht möchte ich morgen schwimmen gehen. Oder einen Spaziergang unternehmen. Oder ins Theater gehen. Oder einfach für mich sein und lesen.« Er zuckt die Schultern. »Ich stehe mitten im Leben. Alles steht mir offen.«

Na klar, denke ich. Oder vielleicht auf den Mond fliegen, oder wie wäre es mit einem Kaffeeplausch im Oval Office des amerikanischen Präsidenten?

Der Greis hat sich wieder in den Sitz zurückgelehnt und schaut nach draußen. Die Gebäude ziehen an uns vorbei. An einer Ampel müssen wir halten. Eine Frau zieht ein weinendes Kind hinter sich her. Zwei Jugendliche mit Wollmützen begrüßen sich damit, dass sie die Fäuste gegeneinanderschlagen. Eine Zeitungseite weht über den Fußgängerstreifen. Ich konsultiere meine Armbanduhr. Wir sind spät dran. Die Probe sollte in fünf Minuten beginnen.

Erst jetzt fällt mir auf, dass der Maestro gar keine Noten mit sich hat. Himmel, wenn wir nochmals umkehren und die Partituren holen müssen! Ich spreche ihn darauf an. Mit einem gütigen Lächeln tippt er an seine Stirn.

»Ist alles da drin«, meint er. Ich zweifle. Werde ich mich doch noch kurzfristig um Ersatz bemühen müssen?

 

Wir halten vor dem Konzerthaus an. Der angekündete Regen hat inzwischen eingesetzt. Ich bin sofort draußen, zücke die Kreditkarte. Jetzt muss es rasch gehen. Der Fahrer hingegen nimmt sich Zeit. Geduldig hilft er dem Alten auszusteigen. Ich reiche den Gehstock, er begleitet unter einem Schirm den Maestro zum Eingang. Mich lässt er im Regen stehen, im wahrsten Sinne des Wortes. Ungeduldig warte ich, dass die Fahrt abgerechnet wird. Der Inder nimmt sich Zeit, nimmt mit einem breiten Lachen das großzügige Trinkgeld zur Kenntnis. Dann eile ich dem Alten hinterher, will ihm schon die Tür öffnen, als vom Wagen her tönt:

»He, Sie haben den Rollator vergessen!«

Innerlich fluchend gehe ich zurück, ergreife die Gehhilfe und folge dem Maestro ins Foyer. Die Probe sollte schon begonnen haben. Ich versuche, meine innere Unruhe nicht nach außen zu kehren und spiele Gelassenheit vor, als ich mit ihm den Aufzug betrete.

Im Sakko vibriert mein Smartphone wie verrückt, bereits das dritte Mal. Ich vermute, wer der Anrufer sein könnte, lasse mir aber nichts anmerken.

»Wollen Sie das Gespräch nicht annehmen, junger Mann?« Der Alte deutet auf meine Brust.

»Das hat Zeit.« Ich versuche es mit einem beruhigenden Lächeln. Eigentlich gilt es mir selber, denn der Maestro scheint tiefenentspannt zu sein und pfeift die ersten Takte der Symphonie, zu der er in wenigen Minuten den Taktstock heben wird.

 

Fünf Stufen führen auf die Bühne. Jede einzelne ist ein Kraftakt. Als ich mit dem Alten erscheine, klatschen die Musiker spontan Beifall. Ich helfe ihm, aufs Podest zu steigen, wo bereits ein alter, runder Klavierhocker platziert worden ist. Der Konzertmeister erhebt sich und schüttelt ehrfurchtsvoll, mit gesenktem Haupt, die Hand des Dirigenten. Ich lege den Gehstock aufs Parkett und reiche dem Maestro sein Taktstäbchen.

Ich habe somit meine Pflicht erfüllt! Der greise Pultstar ist mit dem Klangkörper vereinigt worden. Die Probe kann ordnungsgemäß stattfinden, wenn auch mit kleiner Verspätung.

Erschöpft lasse ich mich im Zuschauerraum auf einen Sitz fallen. Ich schließe für einen kurzen Moment die Augen und atme dreimal tief durch. Die unzähligen Ratschläge meiner Frau aus dem Achtsamkeits-Ratgeber schweifen kurz vor meinem inneren Auge vorbei. Ich kann und will allerdings keinen von ihnen festhalten.

Als vorne Mozarts Jupiter-Symphonie erklingt, checke ich mein Smartphone. Die letzten Anrufe kamen wahrhaftig vom Konzertmeister. Die Folge unserer Verspätung, wie gedacht. Ich höre die Voicemail meiner Tochter ab. Es geht um ein neues Kleid, das sie unbedingt fürs kommende Wochenende haben muss. Die Textnachrichten meiner Frau beziehen sich tatsächlich auf das Abendessen, zu dem ich in der Metzgerei noch das bestellte Fleisch abholen muss. Ein weiterer Punkt auf meiner Pendenzenliste. Ich muss gestehen, dass ich es ohne ihre Ermahnung vergessen hätte. Was ich mir nicht in der Erinnerungs-App aufschreibe, verflüchtigt sich sofort in Schall und Rauch. Ein weiterer Stressfaktor, der meine ständige Unruhe hochschnellen lässt: Habe ich was übersehen? Vergessen, mir eine Notiz zu machen?

Ganz ruhig!

Zunächst mal eine kurze Erholungspause, dann mit Volldampf die anstehenden Aufgaben in Angriff nehmen. Die Liste abarbeiten, Punkt für Punkt. Während der Probe wird der Alte mich nicht brauchen, dann kann ich inzwischen einiges erledigen. Anschließend den Maestro wieder ins Hotel zurückfahren, das Fleisch abholen und rechtzeitig zu Hause eintreffen, um die Gäste zu bewirten.

Mitten im Leben, ja genau!

Also lehne ich mich zurück und lasse die Musik einen Moment lang auf mich wirken. Leicht, erfrischend, bewegt. Ich lege das Smartphone auf den Stuhl neben mir und lasse meinen Blick über die Bühne schweifen.

 

Da vorne scheint ein anderer Mensch zu sitzen. Kein Vergleich mit dem alten Mann, der vor wenigen Augenblicken, auf den Stock gestützt und von mir geführt, die Bühne betreten hat. Seine Bewegungen sind sparsam, aber von hoher Präzision und gleichzeitig auch elegant. Seine Blicke fordern und belohnen. Und die Kraft und Energie, die von ihm ausgehen, den Raum deutlich spürbar ausfüllen und das Orchester merklich beflügeln, erreiche ich nicht mal auf höchstem Level bei meinen Übungen im Fitness-Center.

Staunend tauche ich in die Musik ein, lasse mich auf einem inspirierenden Klangteppich treiben und kann meinen Blick nicht von dem alten Mann abwenden, der eine solch unglaublich scheinende, wundervolle Metamorphose vollzogen hat. Sogar sitzend wirkt er jetzt größer als noch zuvor, seine aufrechte Haltung signalisiert Leidenschaft und Tatendrang. Die Musik, die er dem Orchester entlocken kann, ist schwungvoll und mitreißend, ja, geradezu elektrisierend.

Neben mir vibriert erneut das Smartphone. Ohne einen Blick aufs Display zu werfen, schalte ich es aus. Ich will jetzt nicht erreichbar sein, für niemanden. Ob der Metzger zu wenig Fleisch bereithält, ob ein Sitzungstermin verschoben wird – was kümmert mich das? Was hier gerade abläuft, ist einmalig. Meine Müdigkeit ist wie abgewaschen. Ich bin mitten im Leben. Ich fühle die Schwingungen des Klangs, kann auf den Gesichtern der Musiker Freude und Begeisterung ablesen. Und kann immer noch nicht glauben, was der Alte für eine Show abliefert. Dabei ist das doch erst eine Probe!

Die letzten Takte des ersten Satzes dirigiert er gar stehend, um dann, nach dem Schlussakkord, mit einem seligen Blick ins Orchester seine Zufriedenheit zu signalisieren.

Als er, vom Konzertmeister gestützt, vom Podest runtersteigt und seinen Stock gereicht erhält, findet wieder eine Verwandlung statt. Ich bin hellwach, eile ihm entgegen, um ihn in Empfang zu nehmen und in seine Räumlichkeiten zu führen. Er ist wieder das alte Mann, der Greis, der müde lächelnd zu mir hochblickt und sich mit dankbarem Blick bei mir unterhakt. Langsam, Schritt für Schritt, verlassen wir die Bühne. Seine Stirn glänzt, das Hemd ist verschwitzt. Der Atem geht schnell und keuchend, prestissimo, wie nach einem Marathon. Auf der anderen Seite: Die Leistung, die er zuvor abgeliefert hat, ist mit einem Langstreckenlauf durchaus zu vergleichen.

 

Ich führe ihn ins Dirigentenzimmer, wo er die Pause verbringt, und frage ihn nach seinen Wünschen. Tee, Kaffee, Wasser?

Mit schelmischem Grinsen meint er:

»Wenn Sie mir einen ordentlichen Whisky besorgen können, wäre das wunderbar.«

Er stößt ein schnaubendes Lachen aus, als er meine erstaunte Miene sieht, und winkt ab.

»Bloß ein Scherz.«

Er ordert ein Glas Leitungswasser.

»Sie müssen erschöpft sein«, sage ich.

»Erschöpft?« Sein Blick drückt Erstaunen aus. »Aber nicht doch. Die Musik ist ein Jungbrunnen für mich. Ich hätte keine Pause benötigt. Wir hätten durchspielen können.«

»Wie machen Sie das bloß, Maestro?« Ich kann mir die Frage nicht verkneifen.

»Es ist wie es ist«, meint er. »Es macht mir Spaß, und ich mache nur noch, was mir auch Freude bereitet.«

Gerade als ich die Garderobe verlassen und mich um seine Bestellung kümmern will, ergreift er meinen Arm und hält mich zurück. Ich bin erstaunt über seine Kraft, die ich ihm niemals zugestanden hätte.

»Vorher, in der Probe«, raunt er. »Sie haben den Mozart sehr genossen, nicht wahr?«

Ich komme nicht umhin, ihm recht zu geben. Seine Hand umklammert immer noch meinen Arm, sodass es mir langsam unangenehm wird. Die lauernden Augen erinnern mich an diejenigen einer Echse. Er wirkt plötzlich wieder hellwach. Auf meine Antwort nickt er wissend.

»Wissen Sie«, meint er, »ich rate Ihnen dringend, sich etwas mehr so zu entspannen, wie Sie es vorher in der Probe getan haben. Ihr Körper und Ihr Geist werden es Ihnen danken.«

Ich bin peinlich berührt, weiß nicht, was ich darauf erwidern soll. Er beschäftigt sich inzwischen anderweitig, streicht mit dem Daumen über die Fingernägel der anderen Hand, als ob er sie von Fuseln befreien würde. Als ob ich nicht mehr da wäre.

Also wende ich mich ab, und in dem Moment, als ich einen Schritt von ihm weg machen will, greift er nochmals nach meinem Arm

»Und noch etwas möchte ich Ihnen sagen«, fügt er an, und dieses Mal leuchten seine Augen in listigem Glanz. »Unterschätzen Sie niemals einen Zweiundneunzigjährigen.«



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Kommentare: 3
  • #3

    Ädu (Montag, 03 Februar 2020 19:22)

    Schöner Leckerbissen der das warten auf das nächste Meisterwerk verkürzt. Ich glaube, der Author handelt mit diesem Text auch nach der Maxime des Greisen: »Es macht mir Spaß, und ich mache nur noch, was mir auch Freude bereitet.« .....und mir macht das Lesen Spass - Merci!

  • #2

    Rebekka (Donnerstag, 30 Januar 2020 23:59)

    Tolle Geschichte! Hat mich sofort gepackt und mich an alltägliche Situationen erinnert. Freue mich bereits auf die nächste.

  • #1

    Karin (Samstag, 25 Januar 2020 16:13)

    Grossartig.
    Es macht mir Freude deine "Stories" zu lesen.
    Ich kann mich in einzelnen Szenen selber wieder erkennen.
    Ich bin schon gespannt auf "mehr" :-)