Max

 

Kein Mensch wusste, woher sie gekommen war. Sie war plötzlich da, und jeder kannte sie. Das heißt, niemand hätte ihren Namen sagen können, aber allen war klar, wen man meinte, wenn man von ihr sprach.

Überall begegnete man ihr. Sie stand draußen vor dem Supermarkt oder drinnen bei den Kühlregalen, wo sie die Menschen beobachtete und ihnen zunickte. Stets ein freundliches Gesicht, ein Lächeln im Mundwinkel. Und sie trug immer die gleiche Jacke, die viel zu groß für sie war. Eine blaue Windjacke mit Kapuze, die Farbe schon ziemlich verblasst, der Schriftzug auf dem Rücken nicht mehr entzifferbar.

Aber sie war auch in der Natur anzutreffen, vor allem dort. Es gab ein paar Sitzbänke am Waldrand, die zu ihren Lieblingsplätzen gehörten. So vermutete man jedenfalls, da sie dort häufig gesehen wurde. Sie redete viel, beantwortete aber keine Fragen. Das Lieblingsthema war ihr Hund Max, der sie überallhin begleitete. Stundenlang hätte sie über ihn berichten können, seine Vorzüge hervorstreichen, die Essgewohnheiten analysieren, von seinen Gewohnheiten und Lieblingsplätzen erzählen.

Max war ihr Ein und Alles.

Und wenn sie einmal mit dem Plaudern warmgelaufen war, musste man reaktionsschnell eine Atempause ausnützen und sich von ihr verabschieden. Sie nahm es niemandem übel; der nächste Zuhörer würde schon kommen.

Ihre Augen leuchteten, das Gesicht strahlte, wenn sie von Max erzählen konnte. Über sich und ihre Umgebung sprach sie nie, und die Fragen ließ sie – wie bereits erwähnt – unbeantwortet.

Trotzdem man mochte die Frau mit der blauen Windjacke, man gönnte ihr das Glück mit ihrem Hund. Wenn man keine Zeit hatte, machte man bewusst einen Bogen um sie, damit man sie nicht nach wenigen Sätzen bereits enttäuschen musste.

Es wurde eifrig genickt, wenn über sie gesprochen wurde. Alle wussten Bescheid. Sie gehörte schon fast ein wenig dazu; fast jeder konnte über ein Gespräch mit ihr berichten, wobei die Bezeichnung Monolog wohl eher zutreffend war.

In einem Punkt herrschte allerdings völlige Uneinigkeit. Und der betraf Max, ihren Hund. Die einen berichteten von einem braunen Rauhaardackel, andere von einem weißen Pudel, wieder andere von einem Jack Russel Terrier in undefinierbarer Farbe. Und sogar einen Mops will man schon gesehen haben.

Die verschiedenen Beobachtungen hatten natürlich einen erklärbaren Grund: Niemand außer ihr hatte Max je einmal gesehen. Und das obwohl sie ihn immer dabeihatte und ausgiebig mit ihm sprach.

Wenn sie im Schnellrestaurant saß, so lag er vermutlich rechts neben ihrem Stuhl. Denn sie bückte sich ständig auf diese Seite und erklärte ihm die Welt. Manchmal, wenn er nicht gehorchte, wurde sie wütend. Dann konnte sie ziemlich laut werden. Wer sie zuvor noch nie gesehen hatte, schüttelte bei diesen Situationen verwundert den Kopf und schaute beschämt weg. Ihr Ärger war allerdings stets von kurzer Dauer; dann streichelte sie ihn bereits wieder und legte einen Hundekeks auf den Boden.

Max war so gut erzogen, dass sie keine Leine benötigte. Er lief immer bei Fuß und rannte immer zu ihr hin, wenn sie nach ihm rief. Das machte sie stolz, ihr Lob konnte verschwenderisch sein.

Eines Tages war sie einfach nicht mehr da. Ihre Abwesenheit fiel auf, aber niemand wusste Bescheid, so wie auch keiner hätte sagen können, wann und wo sie das erste Mal wahrgenommen worden war.

Langsam verblassten die Erinnerungen an sie, und ihre damalige Existenz wurde manchmal gar in Frage gestellt.

Was man aber sicher wusste: Max wird immer bei ihr sein.