Hundert – eine stolze Zahl.

Er lehnt sich in seinen Sessel zurück, während vorne auf der Bühne flirrende Geigenklänge durch den Saal schwirren, die von rumpelnden Paukenschlägen abgelöst werden. Sein Gehör funktioniert noch ausgezeichnet, was man von seiner Sehkraft leider nicht behaupten kann. Das konnten auch Operationen und Laserbehandlungen nicht ändern. Zum Glück ist nur die Weitsicht von der Schwäche betroffen, sodass er das Lesen und Schreiben noch ohne Probleme meistern kann. Doch die Vorgänge vorne im Orchester kann er nur erahnen; das Bild ist verschwommen, ohne Schärfe und Konturen. Aber damit kann er leben.

Er schließt die Augen, lauscht dem Fagott, dass sich aus dem Klangteppich hervorarbeitet und langsam an Deutlichkeit gewinnt. Ein klagendes Thema, das sich irgendwo in der Unendlichkeit zu verlieren scheint. Es ist ihm im Schlaf eingefallen.

Als er damals mitten in der Nacht aufwachte und die Tonfolge noch bewusst im Ohr hatte, wurde er sogleich nervös, hatte Angst, dass die wertvolle Eingebung ihm entgleiten könnte. Vorsichtig und stöhnend stand er auf, die Nachttischlampe wollte er nicht benützen, um seine Frau nicht zu wecken. Diese drehte sich auf die andere Seite, sanftes Schnarchen war zu vernehmen. Leise summte er das Thema vor sich hin; er durfte es auf gar keinen Fall vergessen!

Er schleppte sich in sein Arbeitszimmer, wo es sich der Kater auf dem Tisch gemütlich gemacht hatte. Normalerweise führte diese Begegnung zu zärtlichen Streicheleinheiten, doch dazu war nun keine Zeit. Er klatschte zweimal in die Hände, was das Tier sofort verstand und sein Nachtlager verließ. Mit zitternden Händen griff er nach einen Stück Notenpapier und notierte sich seinen Einfall. Geschafft! Zufrieden kehrte er ins Bett zurück und fiel sofort wieder in Morpheus’ Arme.

Am Morgen, als er die Tonfolge studierte, kratzte er sich verwundert am Kopf und fragte sich, was er daran so bemerkenswert gefunden hatte. Nach intensivem Überlegen kristallisierten sich aus dem dichten Nebel die mit der Melodie behafteten Traumbilder wieder heraus, und er brachte die Grundlage der Komposition im Rekordtempo aufs Papier.

Er lauscht aufmerksam der Probe – zum ersten Mal werden seine Vorstellungen klanglich wahrnehmbar. Aber das Tempo hat er sich ein wenig rascher vorgestellt. Das Fagott ist eindeutig zu langsam, wenn die anderen Holzbläser noch dazustoßen, wird das Ganze auseinanderfallen. Er hat mit dem Dirigenten darüber gesprochen, zwei Sitzungen haben sie zur Besprechung benötigt. Scheinbar haben die Diskussionen nicht in allen Bereichen gefruchtet. Er wird sich nach der Probe darum kümmern müssen!

 

Er seufzt und greift nach der Hand seiner Frau, die links von ihm sitzt. Auf der anderen Seite sein Assistent, ein ehemaliger Kompositionsschüler von ihm, die Partitur auf den Oberschenkeln, dem Verlauf der Musik folgend.

Hundert Jahre – ein stolzes Alter.

Als ihn das Orchester vor zwei Jahren für eine Komposition zum Jubiläum anfragte, zögerte er zunächst und bat um Bedenkzeit. Er war sich nicht sicher, ob er den hohen Ansprüchen noch gerecht werden konnte – vor allem denjenigen, die er an sich selber stellte. Doch die Melodie, die ihn im Schlaf umgarnt hatte, zerstreute seine Zweifel, und er sagte zu.

Er bewunderte die Verantwortlichen für ihren Mut, ihn mit dem Auftrag zu betreuen, wo er doch in einem Alter war, in dem es jeden Tag zu Ende gehen konnte. Man hatte nicht sicher sein können, dass er seine Arbeit vollenden würde und an der Uraufführung dabei sein könnte.

Ein Auftragswerk für das hundertjährige Jubiläum des Orchesters, komponiert von einem Hundertjährigen. Wenn das nicht schlagzeilenträchtig war!

Daher war ihm der Titel für das Stück auch sofort klar gewesen: Hundert sollte es heißen. Er liebäugelte sogar damit, die Komposition in hundert Takten zu Papier zu bringen. Im Verlauf der Arbeit merkte er aber, dass das Stück größere Dimensionen annehmen würde. So verwarf er die Idee wieder

Seine Konzeption war, dass er in dem Werk hundert Jahre Zeitgeschichte verarbeiten wollte, die dem Publikum im akustischen Zeitraffer vorgeführt werden sollten. Eine anspruchsvolle Aufgabe – mit der Tonfolge des Fagotts als wiederkehrendes, mahnendes Thema.

History will teach us nothing!

In vielen seiner Werke verarbeitete er einen weltgeschichtlichen Schwerpunkt. Fast immer ein Ereignis, zu dem er einen persönlichen Bezug hatte – und das waren viele – in solch einem langen Leben!

Als er mit dreißig Jahren Arnold Schönbergs Ein Überlebender aus Warschau zum ersten Mal gehört hatte, eine der wichtigsten musikalischen Auseinandersetzungen mit dem Holocaust, war ihm klar gewesen, in welche Richtung seine Stücke in Zukunft gehen sollten. Die Aufführung bedeutete für ihn ein Schlüsselerlebnis, von dem er noch wochenlang ergriffen war und die ihn als Komponist prägen sollte. Sein Schaffensprozess war dadurch angekurbelt worden; die Ideen fielen ihm nur so zu. Er veröffentlichte Werk um Werk, was ihm bei seinen Kritikern den Ruf eines Fließbandkomponisten einbrachte.

Doch auch damit konnte er leben. Er schrieb schließlich nicht für die Rezensenten, sondern für sein Publikum!

 

Die Akzente in den Blechbläsern sind zu wenig scharf. Er blickt zu seinem Assistenten, tippt in die Partitur schüttelt den Kopf, was diesen veranlasst, an der entsprechenden Stelle eine Notiz zu erstellen.

Hundert Jahre – wahrlich ein Meilenstein in einem Menschenleben. Keine Selbstverständlichkeit. Eine Gnade, die nicht jeder erleben darf. Nur wenige dürfen einen dreistelligen Geburtstag feiern. Es werden jedoch in der Zukunft immer mehr werden. Doch das wird ihm egal sein!

Irgendwo hat er einmal gelesen, dass ein Baum hundert Jahre benötigt, bis er sozusagen volljährig ist, um gegen alle Gewalten der Natur gewappnet zu sein. Er ist sich aber nicht ganz sicher, ob er da nicht etwas durcheinanderbringt. Der Mensch, so findet er, hat in diesem Alter auch genug Erfahrungen gesammelt, damit er nun den Anforderungen des Lebens gewachsen wäre und wieder bei null beginnen könnte. Das wäre doch was! Eine Probezeit, reich an Erkenntnissen, die einen auf das richtige Leben vorbereitet.

Was würde er mit der nötigen Erfahrung nicht alles anders machen!

Seinen runden Geburtstag hat er vor drei Monaten gefeiert. Im engsten Kreis, das war sein Wunsch gewesen. Nur Familie. Das allein waren schon genug Gratulanten! Er mochte die großen Gesellschaften, die er früher noch genossen hatte, nicht mehr. Aber zum Hundertsten musste schon ein rauschendes Fest ausgerichtet werden! Zum Glück musste er sich nicht um die Organisation kümmern. Das übernahmen seine Enkel und mieteten sein Lieblingslokal für einen Tag. Es war ein munteres Treiben; eine Menge Leute, viel Lärm, Hände, die zur Gratulation gereicht wurden. Irgendeinmal verlor er die Übersicht über die Gäste, setzte sich auf einen Stuhl und verschwand damit beinahe in der Menge. Er war froh, als er wieder nach Hause gehen konnte.

Als er am darauffolgenden Tag seine Mailbox öffnete, traf ihn fast der Schlag. Weit über hundert Glückwünsche warteten darauf, beantwortet zu werden. Es kostete ihn mehrere Tage, auf alle einzugehen und den Absendern damit gerecht zu werden.

Aber man wird nur einmal hundert; da muss man auch mit einem solchen Schwall von Gratulanten rechnen. Und sie hatten allesamt eine Antwort verdient, da wollte er sich nicht lumpen lassen! Mit hundert Jahren war der Anstand immer noch vorhanden!

Doch das sind Bilder aus der Vergangenheit. Damit will er sich nun nicht aufhalten. Blick nach vorne! Zunächst gilt es einmal, die Uraufführung seiner Komposition aus der Taufe heben. Opus einhundertzweiundvierzig. Auch das eine unglaubliche Zahl! Beinahe hundertfünfzig Werke hat er geschrieben, darunter zwölf Symphonien und neun Opern. Sehr viel Kammermusik und Stücke für Klavier. Er hat einen festen Platz in der Musikgeschichte. »Einer der bedeutendsten Komponisten zeitgenössischer Musik« steht jeweils in den Programmheften. Und trotzdem ist er nur einem ausgewählten Kreis von Musikfreunden und -kennern bekannt.

So ist das eben! Damit kann er leben. Womit er aber nicht leben kann, ist die Interpretation seines Werkes, die er im Moment zu hören kriegt. Sie entspricht nicht seinen Vorstellungen. Zu träge, zu wenig Schwung, zu zergliedert. Es fehlt der große Bogen. Hat der Dirigent den nicht erkannt?

Dieses Mal bringt der vorwurfsvolle Blick zum Assistenten keinen Ertrag. Dieser ist ganz vertieft in die Partitur, wippt mit dem Kopf im Rhythmus der Musik. Er würde mit dem Maestro nochmals sprechen und ihm die Absicht des Werkes ganz genau erklären müssen. Es standen zwar nur noch zwei Proben bis zum Konzert aus, aber das sollte hinzukriegen sein. Da hatte er sich schon größeren Herausforderungen gestellt!

 

Trompeten, Posaunen und Tuba formen bedrohliche Klänge, mit denen das Zeitalter des Kalten Kriegs eingeläutet wird.

Er streicht sich über das haarlose Haupt und fühlt, wie sein Puls ansteigt.

Ist es überhaupt erstrebenswert, dieses stolze Alter zu erreichen? Möchte nicht jeder gerne hundert Jahre alt werden oder gar noch älter? Verdrängen nicht alle den Tod und sehnen sich nach ewigem Leben?

Das Schicksal hat es gut mit ihm gemeint, was seine körperliche und geistige Verfassung betrifft. Er ist gesund, genießt die Unterstützung seiner Familie und kann sich immer noch seiner Lieblingsbeschäftigung widmen. Was will man mehr?

Und trotzdem …

Vor sechs Jahren ist seine letzte Schulkollegin verschieden; er ist somit der letzte, der von seiner großen Klasse übriggeblieben ist. Menschen kommen und gehen. Für ihn existiert nur noch letzteres. Wenn er durch den Friedhof läuft und die Inschriften der Grabsteine mustert, dann kommt es ihm vor, als würde er in einem Familienalbum blättern. Er kennt fast alle Namen, kennt ihre Geschichten, ihr Leben und Leiden. Viele haben ihm Impulse zu einer Komposition geliefert, auch wenn er ihnen das niemals gestanden hat. Die meisten haben irgendwann seinen Weg gekreuzt. Nun sind sie alle gegangen. Er ist der einzige Überlebende; auch wenn das etwas pathetisch klingt, so entspricht es doch der Realität.

Und nun sind es mit absoluter Gewissheit die letzten paar Körner, die durch seine Sanduhr des Lebens rieseln. Man kann sie beinahe zählen, wie sie sich an der Verengung des Glases gesammelt haben. Wann fällt das letzte?

 

Hundert Jahre!

Einen Haufen Interviews hatte er schon gegeben, und es werden in diesem Jahr noch einige dazukommen.

Er genießt das öffentliche Interesse an seiner Person. Die Wertschätzung, die ihm entgegengebracht wird, berührt ihn tief.

Die häufigste Frage in den Gesprächen: Wie geht es Ihnen?

Was gibt es dazu zu sagen? Gut geht es ihm, natürlich. In einem so hohen Alter ist jegliche Klage fehl am Platz. Sein Gedächtnis hat nicht gelitten, sein Gehör ist einwandfrei, die körperlichen Gebrechen sind eine logische Folge des Zerfalls, wenn man bedenkt, dass der menschliche Körper eigentlich nur für fünfzig Jahre Gebrauch konzipiert ist. Keine Anzeichen von Demenz, die Kreativität ist immer noch sehr ausgeprägt. Allerdings benötigt er bei der Niederschrift die Hilfe seines Assistenten, der mit einem Computerprogramm die Niederschrift der Noten anfertigt. Dabei ist ihm mehr denn je bewusst geworden, wie schwierig es ist, seine musikalischen Gedanken auszuformulieren. Vielfach die neugierige Frage des Assistenten: »Können Sie mir denn sagen, was Sie genau meinen?«

Nein, konnte er nicht! Musik beginnt dort, wo das Wort aufhört. Hat er irgendwo mal gelesen. Wie wahr!

Daher der berechtigte Zweifel: Würde er dem Dirigenten nach der Probe seine Einwände glaubhaft vermitteln können? Wo sind der Sprache Grenzen gesetzt?

 

Die zweithäufigste Frage, die ihm von Journalisten gestellt wurde: »Ihr eindrücklichstes Erlebnis?«

Schwierig zu beantworten! Was hat er während hundert Jahren alles erlebt! Was verdient besondere Erwähnung? Was ist zu persönlich? Was möchte er lieber vergessen?

Ist es der Darmkrebs, den man ihm vor fast genau vierzig Jahren diagnostiziert hat? Die Operation und die anschließende Chemotherapie, die ihn an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. Man betrachtet das Leben aus einer anderen Perspektive, wenn man Gevatter Tod erfolgreich von der Karre gesprungen ist. Das ist eine wichtige Erkenntnis, die er aus seiner damaligen Erkrankung gezogen hat.

Die Zäsur war einschneidend. Das zweite Leben, das ihm geschenkt worden ist, hat er viel bewusster angegangen. Keine Zigaretten, ganz wenig Alkohol, gesunde Ernährung, tägliche Bewegung. Auch seine Musik hat sich danach klar verändert. Der Tonfall ist hoffnungsvoller geworden, weniger Experimente. Ja, sogar angenehme Harmonien haben sich von Zeit zu Zeit eingeschlichen, immer häufiger. Damit ist er einem deutlich größeren Publikum bekannt geworden. Nicht dass er deswegen seine musikalische Sprache dem Mainstream angepasst hätte! Aber er fand, dass er sein Leben bisher viel zu wenig geschätzt hätte und dass der Blick für das Schöne viel zu wenig geschärft gewesen war. Das schlug sich auch in seinen Kompositionen nieder, logisch. Sie waren nach seiner Krankheit positiver geworden, lustvoller, trotz des Elends, das nach wie vor die Welt beherrschte. Oder vielleicht gerade deswegen! Man musste einen deutlichen Kontrapunkt gegen die unsägliche Gier der Mächtigen setzen, sonst würde man verrückt!

 

»Ihr eindrücklichstes Erlebnis …«

Eine Frage der Definition. Traurige, prägende, erschütternde Momente. Kann man sie eindrücklich nennen?

Da sind die Verluste seiner beiden Ehefrauen. Die erste starb bei einem Autounfall, die zweite überlebte einen Herzinfarkt nicht. Mit der dritten war er seit über zwanzig Jahren verheiratet. Ja, mit achtundsiebzig hatte er es nochmals gewagt, den Hafen der Ehe anzusteuern. Sie ist zwanzig Jahre jünger, ausgebildete Pianistin und eine treue Begleiterin, die ihn auch in musikalischen Fragen beraten kann. Manchmal hat er allerdings den Eindruck, dass der Altersunterschied gerade umgekehrt ist. Dann nämlich, wenn sie über ihre Wehwehchen jammert und Arztbesuche und Medikamente die einzigen Inhalte einer Unterhaltung bilden. Er hingegen fühlt sich topfit, das heißt, er beklagt sich niemals über seinen körperlichen Zustand, begrüßt jeden Tag mit einem Lächeln und freut sich darauf, in seinem Arbeitszimmer an seinen unzähligen Einfällen, die ihm auch im hohen Alter noch zuflogen, arbeiten zu dürfen.

Die beiden Todesfälle seiner Ehefrauen bedeuteten markante Tiefpunkte in seinem Leben, er hatte sie beide sehr geliebt. Aber die Verluste waren nicht so einschneidend gewesen wie das Hinscheiden seiner Söhne. Kein Unfall, keine Krankheit, nein, ein natürlicher Tod, dem Alter geschuldet. Bei beiden im Alter von fünfundsiebzig Jahren, als ob ein Fluch über der Familie liegen würde. Noch sind eine Tochter und ein Sohn da, sie siebzig, er dreiundsiebzig. Beide steuern auf das heikle Alter zu; er stellt fest, dass dieser Umstand ihn stark beunruhigt.

Und natürlich gibt es viele Enkel und unzählige Urenkel – er war das Oberhaupt einer großen Familie.

Kinder sollten nicht vor ihren Eltern sterben – wie sarkastisch dieser Konjunktiv klang, wenn man selber davon betroffen war! Bei Unfällen und Krankheiten hadert man mit dem Schicksal. Doch was, wenn der Vater seinen Nachwuchs auf ganz natürlichem Weg überlebt? Wenn die Natur einfach beschlossen hat, ihm ein biblisches Alter zu schenken? Dann wird das hohe Alter zur Qual. Die Ziellinie, die nicht in Sicht kommen will, erhält die Züge einer höhnischen Fratze.

Die Leere, die seine toten Kinder bei ihm hinterlassen haben, ist von unsagbarem Ausmaß, und die Gewissheit, so noch weiterzuleben, vielleicht noch unzählige Jahre lang, ist für ihn damals zu einer Marter geworden.

Doch er hat diese Herausforderungen, die ihm das Leben gestellt hat, stets angenommen, wissend, dass während eines langen Lebens neben Freude auch viel Leid auf einen wartet.

 

»Ihr eindrücklichstes Erlebnis …«

Er war im Anschluss an einen Weltkrieg geboren, hatte den Aufschwung danach miterlebt, in der Hoffnung, dass die Welt nach den grauenvollen Ereignissen auf den Schlachtfeldern sich nun endlich eines Besseren besinnen würde.

Es war alles anders gekommen!

Von den jüdischen Verwandten in Nazi-Deutschland hatte seine Familie nichts mehr gehört. Die Brüder seines Vaters. Wahrscheinlich in einem Konzentrationslager vergast. Gewissheit gab es keine, aber sie hatten nie mehr von ihnen und ihrer Familie gehört.

Was gab es dazu noch zu sagen? Die Grausamkeiten, die das Leben bereithält, sind oft nicht in Worte zu fassen; sie übersteigen das Ausdrucksvermögen der Sprache. Aber dafür gibt es ja die Musik.

Kein Wunder, dass er viele Werke geschrieben hat, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzen. Mit Schönbergs Melodram hat er sich aber nie messen können. Noch heute, wenn er die Komposition des Meisters hört, stellen sich ihm sämtliche Nackenhaare auf. Was für ein Geniestreich! Was für ein erschütternder, ausdrucksvoller Schrei durch den Konzertsaal!

 

Die vielen Veränderungen, die er in hundert Jahren erlebt hat, aufzuzählen, würde eine Unmenge an Zeit in Anspruch nehmen. Zeit – und das hat sich bis heute nicht verändert – ist immer noch das höchste Gut, nach dem die Menschheit strebt. Auch wenn sie dann nicht weiß, was sie mit der gewonnenen Zeit anstellen soll.

Technologie hat ihn immer schon interessiert. Da kann er mit befriedigender Genugtuung feststellen, dass er in die richtige Zeit hineingeboren wurde. Mit großer Aufmerksamkeit hat er den unaufhaltsamen Siegeszug der Technik verfolgt – Autos, Computer, Internet. Eine Entwicklung, die aber in den letzten Jahren ein Tempo aufgenommen hat, vor dem ihm graut und mit dem er nicht mehr mithalten kann. Er fühlt sich seiner früheren Leidenschaft komplett ausgeliefert. Jeden Tag die Meldung einer neuen technischen Errungenschaft! Was heute gilt, ist morgen bereits veraltet. Er mochte sich nicht mehr damit beschäftigen!

Die Applikation, mit der sein Assistent die Partituren bearbeitet, ist für ihn ein Buch mit sieben Siegeln. Er versteht nichts mehr, wenn dieser mit fremden Fachausdrücken um sich wirft, die nichts mehr mit musikalischer Sprache zu tun haben.

Nein, die Digitalisierung hat eine Stufe erreicht, mit der er sich nicht mehr auseinandersetzen mag. Vor allem, wenn man bedenkt, dass das Ganze wohl noch am Anfang steht, sozusagen in den Kinderschuhen steckt und nochmals einen gewaltigen globalen Erdrutsch auslösen wird. Doch das wird ihn nicht mehr betreffen. Er wird auf einer Wolke sitzen, den Wahnsinn auf Erden mit einem Fernrohr beobachten und sich dabei ins Fäustchen lachen. Soviel Egoismus darf sein!

 

Mit einem Donnerrollen der Pauken beendet der Dirigent die Komposition.

Doch, das war gar nicht so schlecht, wie er zu Beginn noch befürchtet hat. Das Stück wirkt einheitlich, Anfang und Ende fallen zusammen, wie er das so gerne mag.

Der Dirigent dreht sich um und sucht den Blickkontakt mit ihm. Er sieht nur einen undeutlichen Schemen, trotz der Brille mit den dicken Gläsern.

»Was meinen Sie dazu? Haben Sie es sich so vorgestellt?« Die übliche Fragen, wenn der Komponist anwesend ist.

Er gibt seinem Assistenten ein Zeichen, um nach vorne zu gehen und die notierten Korrekturen mit dem Maestro zu besprechen. Er wird sich später noch ausführlich mit ihm unterhalten.

 

Opus einhundertzweiundvierzig!

Zwei Tage später sitzt er am Abend wieder im Saal. Die Uraufführung steht kurz bevor. Er trägt ein schwarzes Sakko mit Maokragen, was ihm erlaubt, keine Krawatte tragen zu müssen. Es hasst die Dinger, die seinen Hals einengen und ihm dabei fast den Atem rauben.

Nervös tippt er mit den Fingern auf die Stuhllehne. Die Premiere einer Komposition raubt ihm nächtelang den Schlaf, jedes Mal. Da entwickelt sich keine Routine, die ihn ruhiger und entspannter werden lässt. So wie es Künstler gibt, die das Lampenfieber vor einem Auftritt niemals verlieren.

Tausend Gedanken fliegen vor einem solchen Anlass an ihm vorbei, wenn er im Bett liegt. Aber auch tagsüber, wenn er grübelt, ob er in seiner Arbeit alle Eventualitäten berücksichtigt hat. Er will sich im Nachhinein nicht vorwerfen müssen, etwas Wichtiges übersehen zu haben.

Er versucht dann jeweils, die Flut an Impulsen und Einfällen zu kanalisieren und systematisch anzugehen. Was könnte er noch verbessern? Wo sind noch Mängel vorhanden, die mit der Idee der Einheit in Widerspruch stehen? Welche Klänge hat er sich anders vorgestellt, soll er in die Partitur eingreifen? Und das Wichtigste: Wie wird das Publikum auf sein Werk reagieren?

Links und rechts von ihm sitzen Frau und Assistent, wie bereits in der Probe. Hinter ihm ist eine ganze Reihe für seine Familienangehörigen reserviert, die erstaunlicherweise zahlreich erschienen sind. Einer seiner Enkel drängt sich zwischen den Stuhlreihen zu ihm durch, küsst ihn auf beide Wangen und flüstert ihm ins Ohr, wie sehr er sich auf die Aufführung freue.

Höfliches Kopfnicken seinerseits. Ihm ist nicht nach Reden zumute. Er atmet tief durch.

Einhundertzweiundvierzig Kompositionen hat er nun in seinem langen Leben abgeschlossen. Mehr als die Hälfte sind gar nie öffentlich aufgeführt worden und harren ihrer Dinge in der Sammlung seiner Werke, die von seinem Assistenten sorgfältig betreut wird. Vielleicht wird nach seinem Tod das eine oder andere Stück noch entdeckt und einem größeren Publikum vorgestellt werden. Er wird das Treiben in der Musikwelt mit großem Interesse beobachten, sehr neugierig und aufmerksam, auf der Wolke, mit dem Fernrohr – aber das hatten wir schon!

Seine Nervosität verschwindet in dem Augenblick, als der Dirigent die Bühne betritt und den Taktstock hebt. Es geht los! Flirrende Geigenklänge, rumpelnde Paukenschläge. Jetzt verlässt die Musik, die ihm monatelanges Ringen, qualvolles Leiden, aber auch überschwängliche Freude abverlangt hat, seine Gedanken, seinen Körper, sein Innerstes. Sie tritt an die Öffentlichkeit, verlässt das warme, gut gehütete Nest des kreativen Erzeugers, wird flügge, breitet sich aus, stellt sich der Kritik. Es ist fast wie eine Geburt.

Während der Aufführung dreht er sich verstohlen um, beobachtet die Gesichter der Zuhörer, ist gespannt auf die Emotionen, die sich auf ihnen abzeichnen. Da gibt es diejenigen, die sich hochkonzentriert der Musik hingeben. Andere vermitteln den Eindruck, dass sie zuhören; aber wenn er genau hinschaut, so merkt er, dass sie mit ihren Gedanken woanders sind. Wieder andere blättern im Programmheft, sichtlich desinteressiert und gelangweilt und freuen sich wohl bereits auf die anschließende Brahms-Symphonie.

 

Trotzdem – er ist glücklich. Seine Musik, mit der er sich beinahe zwei Jahre lang intensiv befasst hat. Ein Endpunkt ist gesetzt. Wieder einmal. Er lässt los, bereit, um auf Neues zuzugehen. Ein frisches Projekt in Angriff zu nehmen. Doch tief in ihm drin meldet sich eine Stimme in pochendem Rhythmus und warnendem Duktus: Vielleicht wird Hundert deine letzte Komposition bleiben.

Vorne auf der Bühne klingt zwar nicht alles so, wie er sich das vorgestellt hat, aber das ist das Los des Komponisten! Wie hat sich wohl Mozart seine Stücke vorgestellt, als sie ihm durch den Kopf gespukt haben? Was würde Beethoven sagen, wenn er seine Werke heute hören würde?

Nein, er ist zufrieden. Opus einhundertzweiundvierzig ist gelungen. Die Arbeit hat sich gelohnt.

Nachdem das Stück leise verklungen ist, setzt zunächst nur zögerlich Applaus ein.

Der Dirigent bittet ihn nach vorne. Stolz erhebt er sich und schreitet durch den Mittelgang. Er bleibt vor der Bühne stehen, die Stufen mag er nicht erklimmen, und ergreift dankbar die von oben entgegengestreckte Hand des Dirigenten.

Der Applaus verdichtet sich, die Menschen erheben sich von ihren Sitzen. Plötzlich steht ein befrackter Mann neben ihm, bietet ihm seinen Arm an und führt ihn nach oben auf die Bühne.

Er ist ergriffen vom Zuspruch des Publikums, hält die Hände vor die Brust, verneigt sich immer wieder, bedankt sich bei Dirigent, Konzertmeister, spendet den wackeren Musikern Applaus.

Und da, ganz plötzlich, sieht er sie. Gerade, als er nach einer Verbeugung wieder aufrecht steht. Sie steht in der zweiten Reihe, trägt ein rotes Kleid. Ihr Strahlen sticht aus den vielen Menschen hinaus. Es ist, als ob ein Scheinwerfer sie hervorheben würde. Er kann seinen Blick nicht von ihr abwenden. Ihre Schönheit, ihre Begeisterung, ihre Ausstrahlung.

Der Applaus des Publikum verblasst plötzlich, wie wenn man die Lautstärke zurückgedreht hätte. Etwas anderes schiebt sich in sein Bewusstsein. Er hört tief in sich drin eine Melodie. Wärme durchflutete seinen Körper. Er kann das Beben der Kontrabässe bereits fühlen. Es ist bloß ein kurzer Impuls, eine Eingebung, die Reaktion seines Verstandes auf die wunderschöne, junge Frau, die noch ihr ganzes Leben vor sich hat. Die Melodie der Jugend! Er muss sie abspeichern, dringend aufschreiben und dann in sich hineinhören, wie die Idee langsam Form annimmt, wie eine Entwicklung stattfindet, wie ein neuer Phoenix aus der Asche steigt.

Gleich morgen wird er unbedingt dieser Idee nachgehen müssen. Wenn er sich nicht noch heute nach der Heimkehr in sein Büro zurückziehen wird. Wobei – nein, nach dem Konzert wird erstmal tüchtig gefeiert und eine gute Flasche Wein getrunken.

Opus einhundertdreiundvierzig!

Gleich morgen!



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