Asche

 

Ein leichter Windstoss bläht den Vorhang etwas auf, und die Sonne wirft die gitterartigen Schatten der Storen aufs Parkett. Sonja fröstelt ein wenig; den Pullover hat sie im Aufenthaltsraum der Pflegefachleute gelassen – ein etwas mutiger Entscheid für diese ersten Frühlingstage. Doch sie ist zu faul, um ins Erdgeschoss hinunterzugehen, das T-Shirt muss reichen. Hoffentlich wird sie sich nicht erkälten!

Sie rückt den Gesichtsschutz zurecht und schaut sich im Zimmer um. Der Tod von Frau Steiger ist unerwartet eingetreten, aber so, wie ihn sich die meisten Menschen wünschen. Friedlich eingeschlafen. Gestern.

Sonja hat sie am Morgen regungslos vorgefunden, als sie die alte Frau wecken und ihr beim Aufstehen helfen wollte. Zweiundneunzig Jahre. Ein stolzes Alter. Ein erfülltes Leben. Doch gebrechlich ist sie in den letzten Jahren geworden, vieles hat sie vergessen, und das Formulieren von Sätzen hat ihr Mühe bereitet. Doch Sonja hat sie gemocht und ist gerne bei ihr gewesen, solange die knapp bemessene Zeit es ihr erlaubt hat.

Und nun ist Frau Steiger nicht mehr da; ihr Zimmer ist verlassen. Einzig die Möbel und die unzähligen Dekorationsgegenstände zeugen davon, dass bis gestern hier noch ein Mensch gelebt hat.

Sonja tritt zur Kommode, auf der ein gutes Dutzend gerahmte Fotografien stehen und greift nach einem Bild. Eine Hochzeit. Ein glückliches Paar in Schwarzweiss; die Aufnahme ist stark verblasst, ein schüchternes Lächeln der Frau kann man noch erahnen. Sie hält einen Blumenstrauss in der Hand, und er strahlt übers ganze Gesicht.

Herr Steiger – sie hat ihn nicht kennengelernt. Als sie ihre Arbeit im Altenheim antrat, war er bereits zwei Jahre lang tot. Fünf Jahre ist das her. Eine lange Zeit. Sonja hat vor vier Jahren geheiratet und kurz darauf ihr bisher einziges Kind zur Welt gebracht. Einen gesunden Sohn. Das war Frau Steiger nicht vergönnt gewesen. Die beiden sind kinderlos geblieben; mit dem Tod ihres Mannes war ihr letzter Anker in dieser Welt verschwunden.

Über sechzig Jahre dauerte ihre Ehe, und es gab nichts, was ihnen in ihrem Leben gefehlt hätte. Das betonte Frau Steiger immer wieder. Einzig Kinder vielleicht, dachte Sonja in diesen Momenten, aber das vermutete sie nur.

Sie stellt das Bild auf die Kommode zurück und greift nach einer anderen Aufnahme. Das gleiche Paar – aber viele, viele Jahre später. Sie halten sich an den Händen, im Hintergrund ist das Altenheim zu sehen. Frau Steiger erzählte ihr, dass dieses Foto am ersten Tag, als sie hier einzogen, gemacht worden war. Auf beiden Gesichtern ist ein zurückhaltendes Lächeln zu erkennen. Wahrscheinlich war es für sie kein Freudentag, als sie ihre Wohnung aufgeben und hier einziehen mussten. Wenn es Frau Steiger nicht so gut ging, meinte sie häufig, sie befinde sich im Wartesaal des Todes. Dann liefen ihr ein paar Tränen über die Wange, die sie mit einem zusammengeknüllten Stofftaschentuch abwischte.

Sonja kniete sich in solchen Situationen zu ihr nieder und streichelte ihren Unterarm.

«Du bist ein gutes Kind», sagte Frau Steiger, die Augen wässerig und müde. «Aber weisst du, ich möchte so gerne zu meinem Heinz.» Sie schnäuzte sich geräuschvoll und deutete dann auf die Urne, die neben den Bildern auf der Kommode stand. Sonja hob sie hoch und legte sie in Frau Steigers Schoss. Die Alte streichelte gedankenverloren über die Oberfläche, und es war deutlich zu erkennen, wie sie abschweifte und von Erinnerungen überwältigt wurde.

Nun hält Sonja diese Urne in ihren Händen. Sie streicht ehrfürchtig über die kühle Oberfläche aus Eichenholz und erinnert sich, wie Frau Steiger das zylinderförmige Gefäss überallhin mitnehmen wollte.

«Mein Heinz kommt mit», sagte sie, wenn sie die Urne in ihre Handtasche packte. Zum Essen, auf einen Spaziergang, beim Spielnachmittag – ihr Mann sollte überall dabei sein. Wenn sie dann zurück in ihrem Zimmer war und sich unbeobachtet fühlte, stellte sie den Behälter auf die Kommode zurück und tauschte sich mit Heinz aus. Sie sprach mit ihm, wie das Essen wieder schlecht gewürzt gewesen sei oder wer beim Spielen geschummelt habe. Sonja beobachtete sie mehr als einmal durch den Türspalt. Sie war immer sehr berührt von der intimen Unterhaltung, andererseits schämte sie sich aber auch ein bisschen für ihre Neugier.

Es kam vor, dass sie ins Zimmer trat und Frau Steiger vor dem Fernseher sass, vertieft in ein Gespräch mit der Urne – also mit ihrem Mann – über die Sendung, die gerade lief. Fasziniert lauschte Sonja dann eine Weile der Unterhaltung, bis sie sich schliesslich räusperte und die Alte damit auf ihre Anwesenheit hinwies.

«Glauben Sie ja nicht, dass mir das peinlich ist», sagte Frau Steiger etwas trotzig in solchen Momenten. «Heinz ist immer hier, ich kann ihn fühlen. Und ausserdem», dann wurde sie etwas leiser und senkte den Kopf, «mit wem soll ich mich sonst unterhalten? Es ist ja niemand mehr da.»

Sonja stellt die Urne zurück und nimmt erneut ein Foto in die Hand

Der neunzigste Geburtstag. Frau Steiger sitzt im Rollstuhl, einen Kuchen mit neun Kerzen auf ihrem Schoss, und blickt etwas verwirrt in die Kamera. Sonja hat das Bild mit ihrem Smartphone geschossen, einen Rahmen dazu gekauft und es der alten Frau nachträglich zum Geburtstag geschenkt.

Sie streicht über die Glasscheibe und haucht einen Kuss darauf. Dann ergreift sie die Urne, hält sie an die Brust und flüstert:

«Komm, Heinz. Die Zeit ist gekommen. Lass uns zusammen zu deiner Frau gehen.»