Die Playlist zu "Pultstar" - so etwas wie ein Soundtrack

Für alle "Pultstar"-Leser, die gerne hören möchten, wie die Werke klingen, die Victor und Fabrice Steinmann im Verlauf des Romans interpretieren.

 

Hier kommen Sie direkt auf den YouTube-Cannel und finden die Playlist, in der Sie die Werke, die in dem Roman eine wichtige Rolle spielen, entdecken und hören können.

 

Für all diejenigen, die es gerne etwas ausführlicher haben, finden Sie untenstehendend ebenfalls die einzelnen Werke mit dem entsprechenden Link und dem Textbezug zum Roman.

 

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen und eine Menge tolle Hörerlebnisse!

Sergej Prokofjew (1891 - 1953)

Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 g-Moll op.63

Janine Jansen, Violine - Radio Philharmonic Orchestra - Mark Elder, Leitung

 

"Er hatte zuvor das zweite Violinkonzert von Sergej Prokofjew gegeben, ein Werk, das Vater häufig aufs Programm setzte und das er wegen der »Neuen Einfachheit«, welche vom Komponisten selbst attestiert worden war, sehr mochte. Zusammen mit einem jungen, viel umjubelten Geiger aus der Ukraine namens Tadeusz Mowtschan hatte er sein Jubiläumskonzert im Berner Casino mit diesem Stück begonnen."


Johannes Brahms (1833 - 1897)

Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 d-Moll op.15 - 2. Satz, Adagio

Leon Fleisher, Klavier - OSN RAI - Lawrence Foster, Leitung

 

"Ich erinnere mich, etwa zwanzig Jahre ist es wohl her, an die Vorbereitungen zu einem Auftritt, einem unserer letzten gemeinsamen, an dem Brahms‘ erstes Klavierkonzert auf dem Programm gestanden hatte.

Wir probten damals hier in unserem Ferienhaus in Gigaro und beschäftigten uns intensiv mit dem zweiten Satz. Vater spielte mir am Flügel vor, wie er die Orchestereinleitung des Adagios zu gestalten gedachte: ein fließendes Tempo, sehr streng und straff aufgebaut, ohne jegliche Schnörkel. Ich erschrak, als ich diese wunderbare Musik hörte, die für mich plötzlich so kalt und schroff klang."


Jean Sibelius (1865 - 1957)

Symphonie Nr. 1 e-Moll op.39 - 4. Satz, Finale

The University of North Carolina Symphony Orchestra - Tonu Kalam, Leitung

 

"Niemand würde je wieder den grauenvollen Aufschrei zu Beginn des letzten Satzes von Sibelius’ Erster mehr hören. Vater hatte diese Symphonie zu einem seiner wenigen Schlüsselwerke außerhalb der deutsch-österreichischen Musikliteratur gemacht, das er häufig aufs Programm setzte. »Eine Aufführung von Sibelius’ E-Moll-Symphonie mit Victor Steinmann ist ein Erlebnis, ein Ereignis; wer immer ihm auch beigewohnt haben mag, er wird es nie mehr aus seiner Erinnerung bringen; dem Maestro gelingt es, eine Tragik ohnegleichen aufzutürmen, die im letzten Satz kumuliert und den ganzen Weltschmerz unverhohlen und mit einer eruptiven Kraft zum Ausdruck bringt«, hatte irgendein Kritiker in irgendeiner sich für wertvoll und aussagekräftig haltenden Musikzeitschrift zum Besten gegeben. Jedes Wort habe ich mir gemerkt."


Anton Bruckner (1824 - 1896)

Symphonie Nr. 7 E-Dur WAB 107

Lucerne Festival Orchestra - Claudio Abbado, Leitung

 

"Nach dem ersten Satz ging ein Raunen durchs Publikum, Victor blickte zum Konzertmeister, der lächelte und ihm aufmunternd zunickte. Da wusste er, dass dies der magische Moment sein musste, er wusste, dass er es geschafft hatte und dass er im Begriff war, gemeinsam mit dem Orchester und dem Publikum eine musikalische Sternstunde zu erleben.

Der langsame zweite Satz, das Adagio, wurde zu einer eindrücklichen Demonstration für hohe Orchesterkultur. Die Musik floss dahin, Victor hielt mit einer eindrücklichen Gelassenheit alle Fäden in seiner Hand. Seine Bewegungen waren ruhig und eindringlich zugleich, die Gesten sparsam, der Ausdruck ernst und feierlich.

Nach dem letzten Akkord des Finales blieb Victor unbeweglich stehen, die Augen geschlossen, der Stock blieb erhoben in der Luft. Kein Musiker wagte es, sein Instrument sinken zu lassen, alle blieben unbeweglich auf ihren Sitzen, angespannt, wie wenn sie auf den nächsten Einsatz warten würden. Keiner der Zuhörer wagte auch nur zu atmen, die Anspannung war spürbar, der Orkan in Form eines gewaltigen Applauses lag in der Luft, aber der Maestro verstand es, ihn kunstvoll hinauszuzögern, die Stille nach der Symphonie zu genießen, als wenn in der Partitur am Ende noch mehrere Takte Pause angegeben wären. Dann endlich öffnete er seine Augen, blickte seine Musiker an, nickte ihnen mit ernster Miene zu und ließ die Arme fallen.

Was dann folgte, lässt sich in Worten nicht beschreiben. Der Applaus setzte zunächst zögernd ein, fast fragend, wuchs dann aber zu einem Hurrikan an, wie man ihn im Casino selten gehört hatte."


Robert Schumann (1810 - 1856)

Konzert für Violine und Orchester a-Moll WoO 23

Frank Peter Zimmermann, Violine - WDR-Sinfonieorchester - Jukka Pekka Saraste, Leitung

 

"Victor hingegen war völlig in Gedanken versunken gewesen, Schumanns Violinkonzert, dessen Partitur ihn vom ersten Takt an in ihren Bann gezogen hatte, geisterte ihm im Kopf herum. Luc Balmer hatte ihm das Werk ans Herz gelegt, als Victor ihm erzählt hatte, er wolle sich etwas ausführlicher mit Robert Schumann befassen, und ihm geraten, sich intensiv damit auseinanderzusetzen, da die Komposition sehr viel vom Seelenzustand des Musikers während der Entstehungszeit wiedergebe, bevor er ein Jahr später in die Nervenheilanstalt eingeliefert worden war."


Gustav Mahler (1860 - 1911)

Symphonie Nr. 2 c-Moll "Auferstehung", letzter Satz

Sheila Armstrong - Janet Baker - Edinburg Festival Chorus - London Symphony Orchestra - Leonard Bernstein, Leitung

 

"Als ich auf die Welt kam, dirigierte Vater im Amsterdamer Concertgebouw Gustav Mahlers Auferstehungssymphonie. Die Kindertotenlieder wären wohl passender gewesen."

 


Ludwig van Beethoven (1770 - 1827)

Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll op. 37

Fazil Say, Klavier - hr-Sinfonieorchester - Gianandrea Noseda, Leitung

 

"Allegro con brio – das Thema zuerst piano in den Streichern, dann wird es von den Bläsern weitergetragen, so sacht und doch so bestimmt. In diesem Moment liebte ich Beethoven über alles. Solch ein Werk zu erschaffen – so und nicht anders –, es war einfach herrlich.

Ich badete im wohltuenden Klang des Orchesters und ließ mich wegtreiben, weit weg, den Kopf nach oben, meinen Blick an der Kuppel des Konzertsaals verweilend. Angenehme Wellen kräuselten sich um mich herum, schlugen sanft an meinen Körper, manchmal deckten sie mich auch zu – und ich trieb – ganze hundertelf Takte lang. Dann setzte ich mich in aufrechte Haltung, blickte noch einmal zu Chris. Fortissimo ließ er das Orchester die beiden letzten Akkorde der Exposition in den Saal donnern und warf dann den Kopf nach hinten. Kein Blick zu mir, er wartete auf meinen Einsatz.

Ich legte los. Sechzehntelslauf aufs eingestrichene C. Sforzando. Kurze Pause. Neuer Lauf, diesmal aufs zweigestrichene C. Und noch einmal, noch eine Oktave höher und dann forte, das Thema beidhändig in den Oktaven. Vielleicht spielte ich zu grob, aber in dem Moment gab es für mich nur diese eine Lösung. Hart und bestimmt, genauso wie Chris es mit dem Orchester vorgemacht hatte. Beethoven hätte es geliebt!"


Dmitrij Schostakowitsch (1906 - 1975)

Symphonie Nr. 7 C-Dur op. 60 "Leningrader"

hr-Sinfonieorchester - Marin Alsop, Leitung

 

»Grande Schostakowitsch«, lobte er den jungen Dirigenten für die Probenarbeit mit dem Orchester und nickte ihm anerkennend zu. »Ich muss gestehen, dass sich mir die Nackenhaare aufgestellt haben, als im ersten Satz die Anspielung an die Lustige Witwe erklungen ist. Es ist höchst erstaunlich, wie Sie es schaffen, die scheinbar banale Einfachheit der Musik so erklingen zu lassen, dass einem der brutale Russlandfeldzug bildhaft vor Augen geführt wird – und das in Ihrem jugendlichen Alter.« Er schaute sich auf der Terrasse um und ließ seinen nach oben gestreckten Zeigefinger kreisen. »Und übrigens: Eine wunderbare Umgebung, die Sie für unser Gespräch gewählt haben.«


Edward Elgar (1857 - 1934)

Pomp and Circumstance op. 39, Marsch Nr. 1 D-Dur

BBC Symphony Orchestra - Sakari Oramo, Leitung

 

"Als Victor zur Zugabe ansetzte und die ersten Takte von Edward Elgars Marsch erklangen, brandete ihm begeisterter Applaus entgegen, und er musste dem Orchester abwinken und die Musik unterbrechen – ähnlich, wie das bei den Wiener Philharmonikern der Fall war, wenn der Dirigent am Neujahrskonzert den Donauwalzer anstimmt.

Victor ließ das Orchester aufstehen und nahm den Beifall nickend entgegen, um anschließend wuchtvoll nochmals den Einsatz zu Pomp and Circumstance zu geben. Als das Trio mit der bekannten Melodie einsetzte, hörte er, wie Leute im Saal Land of Hope and Glory mitsangen, die heimliche Nationalhymne Englands.

Als der letzte Ton verklungen war, kannte der Jubel keine Grenzen; einige Zuschauer waren auf die Sitze gestiegen, klatschten begeistert über dem Kopf und mussten von den Ordnungshütern ermahnt und wieder auf den Boden zurückgeholt werden. Der Applaus wollte nicht enden, und Victor musste noch zweimal allein auf der Bühne erscheinen, nachdem das Orchester sich bereits verabschiedet hatte."


Maurice Ravel (1875 - 1937)

La Valse. Poème choréographique

Orchestre Philharmonique de Radio France - Myung-Whun Chung, Leitung

 

"In der ersten Zusammenkunft mit den Berliner Philharmonikern probierte er Ravels La Valse, diese großartige impressionistische Apotheose des Wiener Walzers, und war nach der Probe völlig aufgelöst, zum einen vom narkotisierenden und gewaltigen Sog, in den ihn das Werk immer wieder hineinriss, und zum anderen wegen des atemberaubenden Klangs mit seinem ungemein differenzierten Farbenreichtum, den dieses Orchester zu spielen pflegte."


Sergej Rachmaninow (1873 - 1953)

Symphonie Nr. 2 e-Moll op. 27

Symphonieorchester des dänischen Rundfunks - Dmitrij Kitajenko, Leitung

 

"Die asiatische Presse bejubelte das Mozartkonzert, bezeichnete es als »leichtfüßig, schwungvoll und voller Eleganz« und lobte den einheimischen Shootingstar über den grünen Klee. Bei Rachmaninow zeigte man sich etwas zurückhaltender, zollte zwar respektvoll Tribut für die »absolute Transparenz und den vollen Orchesterklang«, bezeichnete die Aufführungen aber auch als »etwas schwülstig und sentimental«, ein Kritiker meinte sogar, der langsame Satz aus der zweiten Symphonie sei »nahe am Kitsch« gewesen.

»Was erwarten die denn eigentlich?«, tobte Victor, als ihm die Zeitungsausschnitte übersetzt wurden. »Soll ich etwa einen Rachmaninow machen, der wie Brahms klingt? Mein Gott, er ist nun mal schwülstig, das ist eine Charakteristik seiner Musik und die darf auch deutlich rauskommen. Aber Kitsch? Todd, ich bitte dich! Ich dachte immer, diese Schlitzaugen haben große Achtung und Verständnis für die klassische Musik – und wenn nicht, dann seien sie zumindest höflich


Johannes Brahms (1833 - 1897)

Symphonie Nr. 3 F-Dur op. 90

Staatskapelle Dresden - Christian Thielemann, Leitung

 

"Victor drehte sich dem Auditorium zu, nickte kurz, stellte sich aufs Podest und ließ, ohne lange zu warten, die zwei Bläserakkorde von Brahms‘ Dritter erklingen. Als die Streicher mit dem Thema einsetzten, schien das Publikum von einem Orkan ergriffen zu werden. Im Saal konnte man durchwegs glückliche Gesichter beobachten, die sich genießerisch von der Musik mittreiben ließen. Die Presseleute, welche nach der Probe die Interpretation noch lauthals kritisiert hatten, blickten sich verblüfft an. Nicht dass die Tempi schneller geworden wären, eher im Gegenteil, aber wie der junge Maestro damit die einzelnen Stimmen herausarbeiten, den großen Bogen spannen und dem Werk eine ganz eigene Deutung geben konnte, war eine Erfüllung für das Publikum und eine Sternstunde im Großen Saal des Wiener Musikvereins.

Der letzte Satz erlosch leise und sanft, Victor ließ den Stock noch nicht sinken, genoss sichtlich die Stille, ließ dann die Hände fallen, nickte kurz dem Konzertmeister zu und verließ sofort den Saal. Einmal noch kam er zurück, schüttelte artig die Hände der Stimmführer, ließ die Register einzeln aufstehen, deutete eine ganz knappe Verbeugung Richtung Publikum an und entließ dieses in die Pause."


Ludwig van Beethoven (1770 - 1827)

Streichquartett Nr. 13 B-Dur op. 130, 5. Satz: Cavatina

The Fry Street Quartet

 

"Bei dem von Todd bereits angesprochenen fünften Satz, der ein Adagio molto espressivo verlangte, fühlte Victor, wie seine Augen feucht wurden, und es ging ihm durch den Kopf, dass selbst Beethoven zugegeben hatte, dass er diesen Satz unter Tränen der Wehmut komponiert habe. Noch nie hat meine eigene Musik einen solchen Eindruck auf mich hervorgebracht, hatte der Meister seinen Zeitgenossen erklärt, und Victor musste völlig ergriffen zum Taschentuch greifen, um sich in einem von Todd nicht beachteten Moment die Augen zu trocknen."


Frédéric Chopin (1810 - 1849)

Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 f-Moll op. 21

Arthur Rubinstein, Klavier - London Symphony Orchestra - André Previn, Leitung

 

Ich erinnere mich, dass er von Chopins Klavierkonzerten nicht besonders viel hielt. »Reine Virtuosenstücke, von Orchesterbehandlung hatte der gute Frédéric keine große Ahnung«, hatte er mir einmal erklärt, womit er – das muss ich ihm einräumen – nicht ganz unrecht hatte.

Trotzdem setzte er die beiden Werke von Zeit zu Zeit aufs Programm, wahrscheinlich musste Tom O’Donnell ihn jeweils dazu überreden, denn dem Publikumsgeschmack oder dem Wunsch eines Veranstalters hätte sich ein Victor Steinmann niemals gefügt.

Er hat mich beim f-Moll-Konzert sogar auch einmal begleitet, und als ich ihn herausfordernd an seine ablehnende Haltung den Werken gegenüber erinnerte, zuckte er bloß mit den Schultern und meinte lapidar: »Naja, sie klingen nicht so schlecht, in Anbetracht dessen, dass sie Chopin komponiert hat.«


Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840 - 1893)

Symphonie Nr. 5 e-Moll op. 64, 2. Satz:  Andante cantabile, con alcuna licenza

Moscow Philharmonic Orchestra - Yuri Simonov, Leitung

 

Gilbert verzog das Gesicht und setzte sich an den Küchentisch. »Es war mein allererster Auftritt als erster Hornist beim Orchestre. Tschaikowskys Fünfte. Das herrliche Solo im zweiten Satz, du weißt bestimmt, wovon ich rede. Drei abfallende Achtel und dann der Sprung aufs D.« Er schüttelte den Kopf und goss sich Bourbon nach. »Eine wunderschöne Linie, wenn man das D trifft. Aber ich hab’s vermasselt, und das bei meinem ersten großen Solo. Es war furchtbar, und am Schluss der Aufführung ließ mich unser Dirigent aufstehen. Er hat das nicht aus Boshaftigkeit gemacht, sondern wollte mir wohl eher damit Trost spenden, doch ich wäre am liebsten im Boden versunken. Ich habe seither viele Solostellen erfolgreich gemeistert, doch ich habe mich nie mehr an das Solo in dieser Symphonie herangewagt. Immer wenn Tschaikowskys Fünfte auf dem Programm stand, habe ich meinem Kollegen das erste Horn überlassen.« Er leerte sein Glas in einem Zug und blickte traurig abwechslungsweise zu Victor und zu seiner Tochter. »Du hast recht, Véro. Man kann durchaus von einem Trauma sprechen, das ich erlitten habe.«

 

Symphonie Nr. 6 h-Moll op. 74 "Pathétique"

Seoul Philharmonic Orchestra - Myung-Whun Chung, Leitung

 

"In meinen Ohren dröhnte Tschaikowsky; immer wieder hörte ich das Finale der sechsten Symphonie – der Schwanengesang, der Abschied vom Leben. Hatte er sich wirklich bewusst das Leben genommen, als er ein Glas Wasser aus der Moskwa getrunken hatte, welche von der Cholera verseucht gewesen war? War es nur seine Zerstreutheit, seine Ängstlichkeit, seine Unwissenheit, dass das Wasser nicht abgekocht worden war?

Es ist eine sehr romantische Vorstellung, dass er die Pathétique, wie man seine letzte Symphonie auch nennt, geschrieben hat, in der Gewissheit, danach mit dem Leben, das ihm nichts als Qualen gebracht hat, abzuschließen.

Ich liebe diese Version von Tschaikowskys Tod, und jetzt geht es mir genau gleich. Ich habe getan, was ich tun musste, was ich schon lange hätte tun sollen, um mit mir selber ins Reine zu kommen und mir damit meine Freiheit wieder zu geben."


Anton Bruckner (1824 - 1896)

Symphonie Nr. 8 c-Moll WAB 108

Münchner Philharmoniker - Sergiu Celibidache, Leitung

 

"Victor hatte ihr damals in Bern häufig von Bruckners achter Symphonie erzählt – damals: Wie lange war das her, es schien in einem anderen Leben gewesen zu sein! »Die Krone der Symphonik«, hat er die Komposition genannt, »das Größte, was je geschrieben worden ist.«

Helene genoss jeden Ton, sie fühlte sich mit dem Werk vom ersten Moment an verbunden und obschon sie es zum ersten Mal hörte, vermittelte es ihr ein Gefühl von Heimat und Vertrautheit. Sie vergaß alles um sich herum, ließ sich von der Musik treiben und verpasste keine von Victors eleganten Bewegungen und fordernden Gesten. Den dritten Satz, das feierliche Adagio, erlebte sie mit Tränen in den Augen und bemerkte nicht, dass Susanne auf dem Nebensitz schon lange eingeschlafen war.

Als die Violinen mit sanften Achtelsbewegungen die Coda des letzten Satzes anstimmten, hatte sie das Gefühl, inmitten einer Schar von Geisterreitern durch eine Traumlandschaft zu galoppieren, und das Ineinanderfließen von allen Themen am Ende des Werkes ließ sie erschaudern, bevor Victor in strahlendem C-Dur die Symphonie beendete. Unendlich lange kam es ihr vor, wie er seine Hände erhoben ließ und den langsam ausklingenden Akkord auskostete, der sich mit der Stille vermischte, in die hinein keiner der Zuhörer auch nur zu atmen wagen schien."

 

Symphonie Nr. 9 d-Moll WAB 109

Wiener Philharmoniker - Leonard Bernstein, Leitung

 

"Was durfte man erwarten, wenn zwei magisch klingende Namen wie Bruckner und Steinmann auf dem Programm stehen und der Anlass erst noch ein – im wahrsten Sinn des Wortes – Abschied vom Leben ist?

Selten hat wohl ein Konzert im Casino zu Bern seine Zuhörerschaft so in den Bann geschlagen wie diese rund anderthalb Stunden mit Victor Steinmann und dem Berner Symphonieorchester.

Eindrücklich wurde vom Maestro vorgeführt und von seiner Musikerschar nachgelebt, welch vielschichtiges, wunderbares und dichtes Werk es für uns immer noch zu entdecken gilt.

Mit wunderbaren langsamen Tempi wurde die Partitur hörbar gemacht, wurde jedem einzelnen klar, was das »misterioso« im ersten Satz bedeutet, wurde das Geheimnisvolle herauf beschworen, immer klar die führende Stimme freilegend, welcher sich die anderen Instrumente mit einer Selbstverständlichkeit unterordneten, als würde heutzutage gar nicht mehr anders musiziert werden. Wie manchem wird es da – oder spätestens im Adagio – wohlig schaudernd den Rücken hinuntergelaufen sein, abwechslungsweise mit dem entsetzten Sträuben der Nackenhaare."


Johannes Brahms (1833 - 1897)

Klavierquartett Nr. 1 g-Moll op. 25, 3. Satz: Andante con moto

(Orchesterbearbeitung von Arnold Schönberg)

City of Birmingham Symphony Orchestra - Sir Simon Rattle, Leitung

 

"Der Auftritt ist mir auch aus einem anderen Grund so lebhaft in Erinnerung geblieben: Ich leitete an diesem Konzert zum ersten Mal Schönbergs Bearbeitung von Brahms’ Klavierquintett in g-Moll. Ich hatte das Werk schon mehr als einmal in der originalen Kammerbesetzung gespielt und verliebte mich in Schönbergs Orchestrierung, als mir die Partitur zum ersten Mal in die Hände geriet – das wunderschöne gesangliche Andante con moto spukt mir bis heute immer wieder in meinem Kopf herum."

 

 


Gustav Mahler (1860 - 1911)

Symphonie Nr. 9 D-Dur

Gustav Mahler Jugendorchester - Claudio Abbado, Leitung

 

"Er war von einer anstrengenden Konzertreise heimgekehrt – in Boston hatte er dreimal Gustav Mahlers neunte Symphonie dirigiert, ein Werk, das er schon ein paar Mal aufgeführt hatte, doch noch nie war es ihm so nahe gegangen. Das Spätwerk des österreichischen Komponisten hatte ihn bereits beim Studium der Partitur aufgerüttelt und nachdenklich gestimmt. Zudem war die Probenarbeit nicht so harmonisch verlaufen, wie er sich das aus vergangenen Zeiten mit diesem Orchester gewohnt war – er war sich ja ohnehin gewohnt, mit seinem autoritären Auftreten, seinem rasanten Arbeitstempo und seiner pingeligen Genauigkeit bei den Musikern anzuecken, aber dieses Mal war irgendeine Spannung in der Luft gelegen, die er nicht hatte benennen können. Die Konzerte hingegen waren sehr glanzvoll abgelaufen, und man hatte sich auf ein weiteres Engagement in drei Jahren geeinigt.

Jetzt, wo die Anspannung langsam abfiel und draußen der Sturm an den Fensterläden rüttelte, wurde er wieder von dem musikalischen Thema eingeholt, und er setzte sich an den Flügel und spielte die Streichereinleitung von Mahlers Schwanengesang – immer und immer wieder, bis er sie nicht mehr hören konnte."


Wolfgang Amadé Mozart (1756 - 1791)

Klavierkonzert Nr. 9 Es-Dur KV 271 "Jeunehomme"

Daniel Kharitonov, Klavier - Moscow Virtuosi - Vladimir Spirakov, Leitung

 

"Die Sonne schien ins Musikzimmer von Victor Steinmanns Anwesen am Murtensee und verbreitete eine unerträgliche Hitze. Vater und Sohn besprachen gemeinsam die Konzeption von Mozarts Jeunehomme-Klavierkonzert, das Fabrice spielen sollte. Zum ersten Mal wollten Vater und Sohn Steinmann gemeinsam in der Öffentlichkeit musizieren.

Nun saß Fabrice am Flügel und spielte seinem Vater den Eingang zum letzten Satz vor. Victor hatte sich dahinter auf dem Sessel niedergelassen, die Beine übereinandergeschlagen und lauschte aufmerksam. Doch bereits nach wenigen Takten unterbrach er seinen Sohn.

»Fabrice, es steht hier presto. Was du spielst, geht weit darüber hinaus, das ist eher sogar ein prestissimo!« In seinem kindlichen Übermut hatte Fabrice die Passage mit einem schwindelerregenden Tempo begonnen, wohl um seinem Vater zu zeigen, wie flink seine Hände über die Tasten zu fliegen vermochten. »Deine Achtelläufe werden dadurch sehr unpräzise und verschwommen. Außerdem müssen die Oktaven in der linken Hand viel leichter und luftiger sein.« Fabrice blickte seinen Vater erstaunt an – er hatte sich erhofft, dass dieser über seine Virtuosität hocherfreut sein und ihm Beifall spenden würde. »Im Übrigen müsste das Orchester dein Wahnsinnstempo mithalten können, und das wage ich zu bezweifeln.«

»Aber du sagst ihnen doch, wie schnell sie spielen müssen, Papa.«

Victor lächelte milde und bat um den Platz am Flügel.

»Da hast du wohl Recht, Fabrice. Aber zu guter Letzt geht es einzig und allein darum, wie es klingt. Der Klang bestimmt das Tempo, merke dir das! Und mit dieser Geschwindigkeit, die du da vorlegst, kann ich dem Orchester nicht den Raum bieten, um sich zu entfalten. Es würde gehetzt und unpräzise klingen. Versuch’s doch einmal so.« Und er spielte Fabrice die gleiche Passage in einem etwas gemäßigteren Tempo vor."


Richard Wagner (1813 1883)

Tristan und Isolde. Vorspiel und Liebestod

Boston Symphony Orchestra - Leonard Bernstein, Leitung

 

"Richard Wagner soll einmal gesagt haben: »Wenn meine Musik so gespielt wird, wie ich sie mir vorstelle, dann müsste sie verboten werden, weil sie zu gefährlich ist.«

Ich habe darüber gelächelt – jetzt kann ich ihn verstehen."

 

*

 

"In den beiden Pausen war ich nicht ansprechbar, stand im Foyer mit einem Glas Weißwein in der Hand und starrte ins Leere, in die Ferne, war abwesend, immer noch versunken in dieser hypnotischen Musik.

Marie versuchte nicht, mit mir zu sprechen, schien zu verstehen, was in mir vorgehen musste, konnte sich aber nicht vorstellen, dass dieses Erlebnis bei mir Ereignisse aus der Vergangenheit, die ich längst verdrängt hatte, wieder an die Oberfläche brachte. Ich befand mich unter einer Glaskuppel, alles um mich herum war ausgeblendet, die Hymne an die Nacht klang in mir weiter. Ich hatte mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen können, welche gewaltige Wirkung Musik in einem Menschen erzeugen konnte, obwohl ich mich doch tagtäglich mit ihr befasste.

Den letzten Akt erlebte ich hinter einem Vorhang von Tränen, und als Isolde singend neben dem toten Tristan niederkniete, wurde ich so durchgeschüttelt, dass ich am liebsten laut hinausgeschrien hätte.

Nach Isoldes Liebestod saß ich in meinem Sitz, unfähig zu klatschen, von ferne den Applaus wahrnehmend, der mich langsam wieder in die Realität zurückholte.

Mit einem Schlag wurde mir plötzlich klar, was für eine Macht Musik überhaupt besitzt, welche enormen Gefühle sie in mir hervorrufen und wie stark sie mich beeinflussen konnte.

Nie zuvor hatte ich Musik mit solch einer Intensität erlebt, wie Wagners Tristan mich an diesem Abend unterworfen hatte. Ich fühlte mich dieser unheimlichen Macht ausgeliefert und hilflos, und zugleich war ich unbeschreiblich von ihr angezogen und fasziniert. Ja, hier endete das Wort, und man betrat eine Welt der Klänge und Harmonien, in der das Alltägliche völlig banal und nichtig erschien. Ich musste sie festhalten, durfte sie nicht verlieren und versuchte, alles um mich herum auszublenden und Wagners chromatische Tonfolgen ständig erneut in mir abzuspielen."


Anton Bruckner (1824 - 1896)

Symphonie Nr. 4 Es-Dur WAB 104 "Romantische"

Münchner Philharmoniker - Sergiu Celibidache, Leitung

 

"In Victors Kalkulation für die Dramaturgie des Abends war dies allerdings mit eingerechnet worden – er war überzeugt davon, dass so der Effekt, den er mit der Bruckner-Symphonie bei den Zuhörern erzeugen wollte, noch grösser sein würde.

Und so schritt er würdevoll nach der Pause auf die Bühne, nahm mit einem kurzen Nicken den Auftrittsbeifall entgegen und wandte sich anschließend seinem Orchester zu. Er wartete ungewöhnlich lange, bis das allerletzte Räuspern und Husten verklungen war und ließ die Stille noch ein paar Augenblicke länger als gewöhnlich wirken.

Dann hob er nur die linke Hand, der rechte Arm mit dem Taktstock befand sich immer noch unbeteiligt neben seinem Körper, und nur mit einem leichten Zucken des kleinen Fingers gab er den Streichern den Einsatz zum Tremolo. Diese kleine Bewegung, eine enorme Machtdemonstration des Maestros, hatte eine ungeheuer hypnotische Wirkung aufs Orchester und aufs Publikum. Mit einem Nicken gab er dem Hornisten das Zeichen für seinen Einsatz und blieb weiterhin nahezu unbeweglich stehen, formte bloß mit der linken Hand das Thema leicht mit.

Erst als es an den Holzbläsern war, das Thema weiterzuführen, hob er den Stock und gab Flöte, Klarinette und Oboe das eingeschlagene Tempo vor. Als Zuhörer konnte man die Vortragsbezeichnung richtiggehend heraushören: ausdrucksvoll, wie von den Holzbläsern verlangt und weich, wie die Hörner abwechslungsweise mit dem Holz das Thema wiederholen sollten.

Als die Streicher das Thema weiterführten, nahm Victor deutlich merkbar das Tempo zurück, wie in der Partitur verlangt, mit dem Effekt, dass die Triolen noch flehender in die Höhe schweiften, die Stimmen, die jeweils die Führung übernahmen, noch deutlicher aus dem Orchester herauszuhören waren und damit die räumliche Tiefe noch verstärkten. Außerdem gelang es Victor damit, den Tutti-Ausbruch des ganzen Orchesters noch stärker wirken zu lassen, sodass sich einem ein erstes Mal die Nackenhaare aufstellten.

Das Publikum war vom ersten Moment an in den Bann des Orchesters gezogen worden, und fasziniert betrachteten die Zuhörer hinter den Musikern, die dem Dirigenten ins Gesicht schauen konnten, mit wie wenig körperlichem Aufwand der Maestro das Maximum aus dem Orchester herauszuholen vermochte.

Es sollte sich ohnehin während Victors Zeit in Thun herausstellen, dass diese Plätze am begehrtesten waren und im Vorverkauf am schnellsten weggingen. Die Faszination, dem Dirigenten bei der Arbeit zuzusehen, mit welcher Mimik und mit welchen Gesten er seine Musiker anwies und anspornte, war auch für die Zuschauer ein außergewöhnliches Erlebnis, für das man auch gerne ein bisschen mehr Geld auszugeben gewillt war, auch wenn die Akustik auf diesen Plätzen ein klein bisschen schlechter war, da man sich unmittelbar hinter Schlagwerk und Blechbläsern befand, deren Nähe den Gesamtklang etwas verzerren konnte.

Der Schlussakkord des ersten Satzes schien unendlich lange im Konzertsaal zu verhallen, dessen Akustik wirklich ausgezeichnet war und Victors Klangvorstellungen entschieden zu unterstützen vermochte. Es blieb komplett ruhig im Saal, niemand wagte sich auch nur zu räuspern, um die Magie des Augenblicks nicht zu zerstören, sodass Victor zufrieden seinen Taktstock wieder erheben konnte, um den Violinen und Bratschen den Einsatz zum zweiten Satz zu geben, der mit einer trauermarschähnlichen Geste begann.

Beim Scherzo konnte man sich eine Jagdgesellschaft förmlich vorstellen, die sich quer durch den Wald mit Hörnern und Trompeten verständigte, immer wie näher kam und das Publikum mit auf die Jagd nahm. Die Blechbläser, die bisher schon restlos überzeugend aufgetreten waren, vor allem im ersten Satz, spielten ihren Part mit einer Leichtigkeit und einer Virtuosität, welche dem ganzen Satz etwas Schwebendes einzuhauchen vermochte, obschon er von Bruckner mit einer sehr bodenständigen Haltung komponiert worden war. Umso grösser war der Gegensatz zum Trio, dessen Thema die Holzbläser mit einer sehr breiten Geste darboten und damit der dahingaloppierenden Jagdgesellschaft aus dem Scherzo wieder Bodenhaftung einhauchten.

Geheimnisvoll begannen Celli und Kontrabässe den letzten Satz, und Unheil verkündend setzte das Horn mit seinem Thema ein. Victor führte das Orchester vehement durch zerklüftete Täler und wieder hinauf zu Höhen, auf denen man eine unglaubliche Aussicht genießen konnte, um sich dann wieder ganz in die Tiefe zu stürzen. Alle hielten den Atem an, als quasi aus dem Nichts die Coda einsetzte, der Dirigent hatte die davor vorgeschriebene Pause scheinbar zu einer Ewigkeit ausgedehnt, sodass das Einsetzen des Orchesters den Eindruck vermittelte, dass die Welt, deren Bewegung für einen kurzen Moment aussetzte, wieder die Rotation aufgenommen hatte.

Mit sparsamsten Gesten und Bewegungen lenkte Victor das Orchester nun auf das Ende des Werkes zu. Als die Blechbläser dramatisch aufstiegen und dem Höhepunkt zusteuerten, von den raffiniert angelegten Modulationen Bruckners aber immer wieder einen Schritt zurückgeworfen wurden, fielen zwei Damen aus dem Publikum in Ohnmacht – die Dramatik hatte ihre Opfer gefordert –, unbemerkt allerdings von ihren Sitznachbarn, die völlig im Bann der Musik standen, und als die Symphonie schließlich in strahlendem Es-Dur beendet wurde, und der Applaus, den Victor so lange wie möglich hinauszuzögern versucht hatte, zunächst zögerlich einsetzte, wurden die beiden wieder munter, sodass der Vorfall völlig unbemerkt geblieben war."


Wolfgang Amadé Mozart (1756 - 1791)

Ouvertüre zu "Don Giovanni"

Münchner Philharmoniker - Sergiu Celibidache, Leitung

 

"Und so saß ich dann bei jeder der fünf Vorstellungen von Don Giovanni inmitten des Publikums. Ich erinnere mich, wie es mir jedes Mal eiskalt den Rücken hinunterlief, wenn der erste D-Moll-Akkord der Ouvertüre einsetzte, gewaltig, kraftvoll, düster und dämonisch. Bereits die Vorfreude auf diese Eröffnung vermochte mich in Ekstase zu versetzen. Nur der Aufschrei zu Beginn des letzten Satzes von Sibelius’ Erster vermochte mich in eine ähnliche Stimmung zu versetzen.

Und dann der Übergang zum bewegten Teil der Ouvertüre! Molto allegro steht in der Partitur, doch das Tempo, das Vater vorgab, war im besten Fall ein Allegro non troppo, und ich freute mich jedes Mal diebisch auf das entsetzte Luftholen der selbst ernannten Klassikpuristen, wenn Vater ihnen etwas ganz anderes vorsetzte, als sie alle erwartet hatten. Zugegeben, als ich seine Tempovorstellungen zum ersten Mal hörte – er spielte mir die Ouvertüre zu Hause auf dem Flügel vor –, konnte ich mich zunächst überhaupt nicht damit anfreunden, doch bereits nach wenigen Takten, wenn durch das breite Tempo der Reichtum von Mozarts Musik aufgezeigt wurde, ohne das ruhelose Drängen zu vernachlässigen, erschien es mir als die einzig richtige Interpretation und ich empfand es sogar als ein Molto allegro."

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Anmerkung:

Bewusst habe ich hier die Aufnahme mit Sergiu Celibidache ausgewählt, da sich hier meine Vorstellung von Victor Steinmanns Interpretation des Werkes ziemlich genau deckt.

mg


Samuel Barber (1910 - 1981)

Adagio for Strings op. 11

BBC Orchestra - Leonard Slatkin, Leitung

 

"Victor hob den Kopf und blickte ihn verständnislos an. »Was reden Sie da bloß für eine Scheiße? Es geht weiter, das Leben geht weiter. Wir brauchen Musik. Sie tröstet uns, sie hilft uns zu vergessen.«

Mit diesen Worten stand er auf und ging nach draußen aufs Podium, wo die Musiker sich bereits eingestimmt hatten. Er stieg aufs Podest und hob den Stock, ohne ein Wort zu verlieren, um Barbers todtrauriges Stück in einem Zug durchzudirigieren. Scheinbar anteillos gab er die Einsätze, als ob er ein Programm abspulen würde, die Musik schien ihn kein bisschen zu berühren.

Nach dem letzten Ton, der in völligem Pianissimo verklungen war, verharrte er in unbeweglicher Position und murmelte ein paar unverständliche Worte. Er stieg vom Podest hinunter, stützte sich auf dem Notenpult von Xavier Blum, dem Konzertmeister, ab und reichte ihm ohne einen weiteren Kommentar den Taktstock.

Er machte ein paar Schritte Richtung Ausgang, als sich die Welt um ihn herum plötzlich zu drehen begann und ihm schwarz vor den Augen wurde.

Dann brach Victor Steinmann zusammen."


Johannes Brahms (1833 - 1897)

Ein deutsches Requiem op. 45, 6. Satz: Denn wir haben hie keine bleibende Statt

José van Dam - Wiener Philharmoniker - Herbert von Karajan, Leitung

 

"Letzten Monat hatte er ein merkwürdiges und übersinnliches Erlebnis gehabt, welches ihn nachdenklich gestimmt hatte.

Er leitete in der Chicago Orchestra Hall Brahms’ Deutsches Requiem, ein Werk, das er schon seit jungen Jahren immer wieder bewundert hatte und welches ihm vor der Aufführung jeweils schlaflose Nächte bereitete – ähnlich wie die Werke von Schostakowitsch.

Es war der dynamische und aufwühlende sechste Satz, in dem die Auferstehung betont wird, und der Chor sang fortissimo:

Tod, wo ist dein Stachel?

Hölle, wo ist dein Sieg?

Und da geschah es plötzlich. Victor wurde von der Musik komplett ergriffen, sein Körper wurde völlig durchgeschüttelt, und er hatte das Gefühl, dass er in diesem imposanten Moment seinen Körper verlassen und neben sich treten würde. Alles schien sich zu verlangsamen, als hätte jemand die Zeitlupenfunktion aktiviert."



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